Die Voyager-Missionen: Eine Botschaft an die Ewigkeit

Wissenschaft · Erinnerung · Perspektive
Voyager
1+2
Eine Botschaft an die Ewigkeit
Zwei Raumsonden verliessen 1977 die Erde. Fast fünfzig Jahre später sind sie noch immer unterwegs.
An Bord tragen sie eine Flaschenpost ins All. Vielleicht war deren eigentlicher Adressat aber nie eine fremde Zivilisation. Vielleicht sind wir es selbst.
Der Aufbruch
Am 20. August 1977 startete Voyager 2, am 5. September folgte Voyager 1. Die Nummerierung führt bis heute ein wenig in die Irre: Voyager 2 flog zuerst los, Voyager 1 nahm jedoch die schnellere Route und überholte ihre Schwestersonde noch im selben Jahr.
Mich beeindruckte an Voyager von Anfang an mehr als die technische Leistung. Da schickten Menschen zwei Maschinen zu den äusseren Planeten – und befestigten an ihnen gleichzeitig eine Botschaft darüber, wer wir sind, wie unsere Welt klingt und was wir für bewahrenswert hielten.
Die grosse Reise
Voyager verdankte ihre aussergewöhnliche Route einer seltenen Stellung der äusseren Planeten. Mit Vorbeiflügen und der Schwerkraft der Planeten konnten die Sonden immer weiter nach aussen gelenkt und beschleunigt werden.
Voyager 1 besuchte Jupiter und Saturn. Voyager 2 flog zusätzlich an Uranus und Neptun vorbei und ist bis heute die einzige Raumsonde, die diese beiden Eisriesen aus der Nähe untersucht hat.
Die Mission veränderte unser Bild des äusseren Sonnensystems: aktive Vulkane auf Jupiters Mond Io, komplexe Ringsysteme, neue Monde und die ersten Nahaufnahmen von Uranus und Neptun.

Start von Voyager 1 und Voyager 2
Voyager 1 erreicht den interstellaren Raum
Voyager 2 folgt ihr
Die Golden Record: eine Flaschenpost ins All
An beiden Sonden befindet sich eine vergoldete Kupferplatte mit Bildern und Tönen der Erde. Die Auswahl entstand unter der Leitung des Astronomen und Wissenschaftsvermittlers Carl Sagan.
Die Platte enthält 115 Bilder, Naturgeräusche, Musik aus verschiedenen Kulturen und Epochen sowie Grüsse in 55 Sprachen. Bach ist darauf ebenso vertreten wie Chuck Berry. Man hört Wind, Brandung, Donner, Tiere und menschliche Stimmen.
Auf der Abdeckung befinden sich symbolische Anweisungen, die erklären sollen, wie die Platte abgespielt werden kann und woher sie stammt. Eine Gebrauchsanweisung für Wesen, von denen niemand weiss, ob es sie gibt.

Was wir von uns erzählten
- 115 Bilder der Erde und des menschlichen Lebens
- Naturgeräusche wie Wind, Brandung und Donner
- Tierstimmen
- Grüsse in 55 Sprachen
- Musik verschiedener Kulturen und Epochen
- Botschaften von US-Präsident Jimmy Carter und UN-Generalsekretär Kurt Waldheim
Sagan und seine Mitstreiter beschrieben die Entstehung dieser kosmischen Zeitkapsel später im Buch Murmurs of Earth, auf Deutsch Signale der Erde.
Carl Sagan: Wissenschaft und Perspektive
Carl Sagan gehörte zu den Menschen, die Astronomie aus den Instituten in die Öffentlichkeit brachten. In der Fernsehserie Cosmos von 1980 verband er wissenschaftliche Genauigkeit mit einer Frage, die weit über Astronomie hinausging: Was bedeutet unser Wissen über das Universum für unser Bild von uns selbst?
Bei Voyager bekam diese Frage eine materielle Form. Sagan leitete das Komitee, das die Inhalte der Golden Record auswählte.
Jahre später wurde er auch zu einer der prägenden Stimmen hinter jenem Bild, das die ganze Mission auf einen einzigen Punkt reduzieren sollte.

Pale Blue Dot
Am 14. Februar 1990 blickte Voyager 1 ein letztes Mal zurück. Aus rund sechs Milliarden Kilometern Entfernung fotografierte die Sonde die Erde.
Auf dem Bild ist unser Planet kaum noch zu erkennen: ein winziger Lichtpunkt in einem Sonnenstrahl. Kurz danach wurden die Kameras von Voyager 1 abgeschaltet. Für die weitere Reise gab es nichts mehr zu fotografieren, das nahe genug gewesen wäre.
«Das ist hier. Das ist Heimat. Das sind wir.»
— Carl Sagan, Pale Blue Dot
Das Bild ist wissenschaftlich unspektakulär und gerade deshalb so stark. Keine Kontinente. Keine Grenzen. Keine Städte. Keine Religionen, Nationen oder politischen Systeme. Nur ein Pixel, auf dem alles stattgefunden hat, was wir Menschheitsgeschichte nennen.
Damit schliesst sich für mich der Kreis zur Golden Record. Zuerst entschieden Menschen, was sie einem unbekannten Gegenüber über die Erde erzählen wollten. Dreizehn Jahre später zeigte Voyager uns, wie diese Erde von weit draussen aussieht.

Die Nachricht ist an uns gerichtet
Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann jemand die Voyager-Sonden findet, ihre Platten entdeckt, die Anleitung versteht und Chuck Berry auflegt, lässt sich nicht sinnvoll beziffern. Darauf kommt es auch nicht an.
Entscheidend ist der Versuch. Menschen bauten Maschinen, die bis in den interstellaren Raum gelangten. Und sie schickten ihnen Musik, Bilder, Stimmen und Grüsse mit. Nicht Waffenpläne, Besitzurkunden oder eine Rangliste der Mächtigen.
Die Golden Record erzählt deshalb vielleicht weniger darüber, wer wir 1977 tatsächlich waren, als darüber, wer wir gerne gewesen wären.
Zwei kleine Maschinen fliegen weiter in die Dunkelheit. An Bord ein goldener Kreis mit Geräuschen eines fernen Planeten.
Eine Flaschenpost ins All. Und vielleicht eine Nachricht, die vor allem für uns bestimmt war.
40 Jahre Golden Record
2017 diskutierten unter anderem Ann Druyan, Reggie Watts, Lynda Obst, David Pescovitz und der langjährige Voyager-Projektwissenschaftler Ed Stone über die Golden Record und eine Frage, die bis heute funktioniert:
Was würden wir heute ins All schicken?
Weiterlesen & weiterfliegen
Die Mission läuft weiter. Für aktuelle Daten und Hintergründe sind die NASA-Seiten die erste Adresse.
