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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Der Rhein im Gedächtnis der Stadt

Der Rhein im Gedächtnis der Stadt

Wer im Basler Stadtbuch «Rhein» ins Suchfeld schreibt, begeht einen kleinen Fehler. Man sucht danach nicht fünf Minuten, sondern bleibt hängen. Bei Hochwasser und Schwimmschulen, Schiffleuten und Lachsen, Fährimännern, Containerschiffen und Dingen, die Taucher aus dem Fluss holen.

Ein Stadtgedächtnis seit 1879

Das Basler Stadtbuch ist eines der grossen Gedächtnisse dieser Stadt. 1879 erschien der erste Jahrgang, damals noch unter dem Namen «Basler Jahrbuch». Begründet wurde die Reihe vom Historiker Heinrich Boos (1851–1917). Boos hatte in Basel Geschichte studiert, habilitierte sich 1875 und wurde später Professor für Kulturgeschichte und historische Hilfswissenschaften an der Universität Basel.

Ab 1882 führten Albert Burckhardt-Finsler und Rudolf Wackernagel die Publikation weiter. Bis 1959 hiess sie «Basler Jahrbuch», ab 1960 «Basler Stadtbuch». In den frühen 1970er-Jahren stand die Reihe vor dem Aus. Die Christoph Merian Stiftung übernahm sie und veränderte das Konzept: Neben historischen Arbeiten erschienen zunehmend Beiträge unabhängiger Autorinnen und Autoren über Politik, Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft und das tägliche Leben in Basel.

Bis zur Ausgabe 2015 erschien das Stadtbuch gedruckt. Heute wird es digital fortgeführt. Sämtliche früheren Jahrgänge sind online zugänglich und durchsuchbar – eine aussergewöhnlich dichte Sammlung von Basler Geschichte und Zeitgeschichte.

Hinzu kommt die Basler Chronik. Sie wird seit 1882 geführt, war bis 2010 Bestandteil der gedruckten Jahr- und Stadtbücher und erscheint seither online. Inzwischen umfasst sie mehr als 36’000 Einträge zum Basler Tagesgeschehen; jährlich kommen bis zu 600 hinzu. Damit lässt sich Stadtgeschichte teilweise bis auf einzelne Tage zurückverfolgen.

Das Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/basler-stadtbuch.html

Die Basler Chronik:
https://www.baslerstadtbuch.ch/basler-chronik.html

15 Fundstücke zum Rhein

Für «uferlos. Basel und der Rhein» habe ich daraus fünfzehn Fundstücke ausgewählt. Keine Bestenliste. Eher fünfzehn Fenster auf denselben Fluss: als Naturgewalt, Verkehrsweg, Arbeitsplatz, Sportplatz, Badeanstalt, Bühne, Lebensraum und begehrten Teil der Stadt.

1. 1882: Als Rhein, Wiese und Birs über die Ufer traten

Am 26. Dezember 1882 wurde aus dem Weihnachtsfest eine Katastrophe. Rhein, Wiese und Birs traten über die Ufer; besonders schwer traf es die Langen Erlen und Kleinhüningen. Die Wiese suchte sich zeitweise sogar einen zweiten Abfluss in den Rhein. Die Schäden wurden damals auf eine halbe Million Franken geschätzt, für bedürftige Betroffene wurden «Liebesgaben» gesammelt. Der nüchterne Chronikeintrag lässt ahnen, wie unmittelbar die Stadt damals ihren Flüssen ausgeliefert war.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/chronik/1882/12/26/der-rhein-die-wiese-und-die-birs-ueberfluthen-ihre-ufer.html

2. 1901: Die Männer, die vom Rhein lebten

36 Seiten widmete Fritz Weiss im Basler Jahrbuch von 1901 der Geschichte der Rheinschifffahrt und der Schiffleutenzunft. Der Text führt in eine Zeit zurück, in der der Rhein noch weit stärker Arbeitsplatz als Freizeitgebiet war. Schiffleute, Fischer und Händler lebten vom Strom und von den Verbindungen, die er schuf. Lange vor Containern, Hafenkränen und Dieselmotoren war Basel über den Rhein in ein weit gespanntes Verkehrs- und Handelsnetz eingebunden. Wer verstehen will, weshalb sich Basel als Hafenstadt begreift, kann weit vor dem modernen Rheinhafen anfangen.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/1901/1901_0201.html

3. 1944: Der Krieg lässt den Rhein verschwinden

Der Zweite Weltkrieg erreichte Basel auch über den Wasserstand. Beim Bombardement des Stauwehrs bei Kembs am 7. Oktober 1944 wurde die Anlage teilweise zerstört. Gewaltige Mengen des gestauten Wassers flossen ab; im Basler Hafen sank der Pegel innerhalb kurzer Zeit dramatisch. Hafenbecken II und Teile des Wendebeckens fielen praktisch trocken, 19 Schiffe setzten auf dem Grund auf. Alfred Schallers Bericht von 1945 zeigt auf zwei Seiten, wie eng Krieg, Technik und Basels Verbindung zum Rhein miteinander verknüpft waren.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/1945/1945_0821.html

4. 1954: Basel feiert den internationalen Rhein

Im September 1954 wurde der Rhein zur diplomatischen Bühne. Basel feierte gleichzeitig 700 Jahre Rheinischer Städtebund, 600 Jahre Zunft zu Schiffleuten und 50 Jahre moderne Basler Rheinschifffahrt. Delegationen aus mehreren Kantonen und aus Österreich trafen mit dem Schlepper «Glarus» an der Schifflände ein und zogen zum Rathaus. In der Martinskirche sprach Bundesrat Max Petitpierre über die internationale Ordnung der Rheinschifffahrt und warnte vor protektionistischen Eingriffen. Der Fluss erschien hier nicht als Basler Gewässer, sondern als europäische Verkehrsader.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/chronik/1954/09/09/internationale-rheinschiffahrtstage-im-zeichen-des-700jaehrigen-bestehens-des-rheinischen.html

5. 1962: Wie Basel im Rhein schwimmen lernte

Heute gehört das Rheinschwimmen zum Basler Sommer wie die Buvette und der Wickelfisch. Das war nicht immer so. Carl Ludwig erinnerte 1962 an die alte Schwimmschule unterhalb der Pfalz, deren Geschichte bis ins 19. Jahrhundert zurückreichte. Dort wurde nicht einfach gebadet: Menschen sollten überhaupt erst lernen, sich im Wasser sicher zu bewegen. Als Ludwigs Text erschien, war die alte Anlage gerade verschwunden – 1961 war ihre Zeit zu Ende gegangen.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/1962/1962_1120.html

6. 1981: Tausend Menschen entdecken «ihren» Rhein

Am 18. August 1981 rechnete der Schwimmclub Birsfelden mit vielleicht 150 Menschen. Rund tausend kamen. Sie liessen sich von der Birsbrücke bis zur Johanniterbrücke treiben; der Rhein hatte an diesem Abend genau zwanzig Grad. Erlaubt war fast alles, was schwamm: Pneus, Luftmatratzen, Gummischläuche und Plastikflügel. Fridolin Leuzingers Bericht über das vierte öffentliche Rheinschwimmen liest sich heute wie die Geburtsurkunde eines Basler Massenrituals.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/1981/1981_1609.html

7. 1983: Hundert Jahre Wasserfahren

Schwimmen ist nur eine Art, den Rhein sportlich zu benutzen. 1983 blickte der Rhein-Club Basel auf hundert Jahre Vereinsgeschichte zurück. Im Zentrum steht das traditionelle Wasserfahren mit seinen langen Weidlingen und Paarwettfahren – ein Sport, bei dem Strömung, Kraft und Technik zusammenpassen müssen. Zum Jubiläum kamen Vereine zu einem nationalen Wettfahren zusammen; gefeiert wurde anschliessend ausgiebig. Der Beitrag erinnert daran, dass der Rhein immer auch Trainingsplatz, Wettkampfstätte und Vereinslokal ohne Dach war.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/1983/1983_1746.html

8. 1989: Basel bekommt seine vierte Fähre zurück

Eine Fähre baut man in Basel offenbar nicht einfach. Man sammelt Geld, veranstaltet Feste und lässt Jean Tinguely eine Lithografie dafür zeichnen. So geschah es Ende der 1980er-Jahre, als im St. Johann wieder eine Rheinverbindung entstehen sollte – in der Nähe jener Stelle, an der bis 1934 die alte Schlachthoffähre verkehrt hatte. Im September 1989 wurde das neue Fährschiff eingeweiht. Niggi Schoellkopfs Bericht erzählt damit auch von einer Stadt, die ihre Verkehrsmittel gelegentlich wie Familienmitglieder behandelt.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/1989/1989_2071.html

9. 1991: Was Schweizerhalle an der Universität auslöste

Am 1. November 1986 brannte in Schweizerhalle eine Lagerhalle von Sandoz. Mit dem Löschwasser gelangten Chemikalien in den Rhein; das ökologische Desaster wurde zu einer Zäsur weit über Basel hinaus. Weniger bekannt ist eine andere Folge: An der Universität Basel begann eine Diskussion darüber, ob hoch spezialisierte Wissenschaft komplexe Umweltprobleme angemessen erfassen kann. Daraus entstand das interdisziplinäre Programm «Mensch – Gesellschaft – Umwelt» (MGU). Der Stadtbuch-Beitrag von 1991 erzählt, wie aus einer Katastrophe institutionelles Lernen wurde.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/1991/1991_2207.html

10. 2009: Achtzig Velos und ein Staubsauger

Der Rhein nimmt vieles mit. Manches bleibt allerdings unten liegen. Bei der «Ryybutzete» vom 5. September 2009 holten 230 Freiwillige, darunter hundert Taucherinnen und Taucher, rund 15 Tonnen Abfall aus dem Fluss. Darunter waren achtzig Velos, Einkaufswagen, Mobiltelefone und Staubsauger. Stadtarchäologie kann ausgesprochen jung sein.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/chronik/2009/09/05/15-t-muell-werden-von-230-freiwilligen-aus-dem-rhein-gefischt-es-ist–ryybutzete-.html

11. 2010: Der Rhein spielt den Nil

Für «Aida am Rhein» wurde Basel im Oktober 2010 zur Opernbühne. Der Rhein übernahm gewissermassen die Rolle des Nils, während sich Verdis Geschichte an verschiedenen Orten der Innenstadt abspielte. Die Produktion des Theater Basel war zugleich ein grosses Live-Fernsehprojekt; gespielt wurde unter anderem rund um die Mittlere Brücke und das Hotel Les Trois Rois. Orchester, Sängerinnen, Sänger, Kameras, Schiffe und die reale Stadt wurden zu Teilen derselben Inszenierung. Selten dürfte der Rhein eine exotischere Nebenrolle gespielt haben.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/2010/2010_3117.html

12. 2013: Menschen statt Rheinfracht

Was geschieht mit einem Hafen, wenn sich der Güterumschlag verändert? Der Stadtbuch-Artikel «Menschen statt Rheinfracht» beschreibt 2013 die Neuordnung der Basler Hafenflächen im Zeichen des wachsenden Containerverkehrs. Wo Logistik verschwindet oder konzentriert wird, entstehen plötzlich begehrte Flächen am Wasser. Damit beginnt sofort die nächste Auseinandersetzung: Wohnungen, Hochhäuser, öffentlicher Raum oder Gewerbe? Der Rhein ist hier weder Natur noch Romantik, sondern eine der härtesten Währungen der Stadtentwicklung.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/2013/2013_3288.html

13. 2014: Der Weg, den Basel nicht wollte

Unterhalb des Münsters endet der durchgehende Grossbasler Uferweg. Immer wieder gab es Pläne, diese Lücke mit einem Steg zu schliessen – erste Ideen reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. 2014 entschieden die Stimmberechtigten über einen neuen Anlauf und lehnten ihn mit knapp 54 Prozent Nein-Stimmen ab. Die Debatte drehte sich um Zugang zum Rhein, Natur, Denkmalschutz und das berühmte Stadtbild vom Kleinbasler Ufer aus. Tilo Richters Titel ist entsprechend trocken: «Rheines Ufer bleibt reines Ufer».

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/2014/2014_3329.html

14. 2018: Die Rückkehr des Lachses

Der Lachs gehörte einst selbstverständlich zum Rhein und zur Basler Küche. Dann verschwand er – verschmutztes Wasser, Kraftwerke und Wehre machten seine Wanderung vom Atlantik in die Oberrheingewässer nahezu unmöglich. Das Stadtbuch widmete dem Fisch 2018 ein ganzes multimediales Dossier mit historischen Aufnahmen, Film und Radioarchiv. Dabei geht es um Fischerei, Gewässerökologie und jahrzehntelange Versuche, den Wanderfisch wieder heimisch zu machen. Der Lachs wird so zum Gradmesser dafür, was Menschen einem Fluss antun können – und was sich reparieren lässt.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/dossier/2018/2018-03.html

15. 2024: Seit 25 Jahren schwimmt die Bühne

Der Rhein kann Verkehrsweg, Sportplatz und Badeanstalt sein. Seit einem Vierteljahrhundert ist er im Sommer auch Konzertsaal. 2024 feierte das Floss-Festival sein 25-jähriges Bestehen; zum Jubiläumsprogramm gehörten unter anderem Goran Bregović, Candy Dulfer, Noti Wümié und Thomas D. Die Bühne liegt auf dem Wasser, das Publikum sitzt am Kleinbasler Ufer, und die vorbeiziehenden Schiffe gehören zwangsläufig zur Szenerie. Auch dazu liefert die Basler Chronik inzwischen Ton und Bild.

Zum Original im Basler Stadtbuch:
https://www.baslerstadtbuch.ch/chronik/2024/08/06/25-jahre-floss-.html

Ein Fluss, 36’000 Chronikeinträge

Diese fünfzehn Geschichten sind eine ziemlich willkürliche Auswahl. Genau darin liegt der Reiz. Im Basler Stadtbuch ist der Rhein einmal Verkehrsader und ein anderes Mal Badeplatz, Naturgewalt, Müllhalde, Grenze, Lebensraum oder Bühne.

Wer weitergräbt, findet Hochwasser und Niedrigwasser, Fischereiverbote und Feuerwerke, Schiffshavarien, Rettungsringe, Brückenstreit, Granaten, Grundeln und Menschen, die im Januar freiwillig ins Wasser steigen.

Das Stadtbuch ist damit weit mehr als ein Archiv. Es zeigt, wie sich der Blick auf denselben Fluss über Generationen verändert: vom gefährlichen Strom zum Transportweg, vom Arbeitsplatz zum Freizeitraum, vom Abwasserkanal zum wiederentdeckten Lebensraum.

Der Rhein fliesst durch Basel. Im Stadtbuch fliesst er seit 1879 auch durch das Gedächtnis der Stadt.