Rainer Luginbühl

Beitrag

TitanTalk 75 – Mini-Serie „Die 7 Todsünden“ Völlerei


Kurzbiografien

Marie-Antoine Carême (1784–1833)

Der „König der Köche“ und Architekt der Haute Cuisine. Carême machte Kochen zum Statussymbol und Essen zur Bühne politischer Macht. Er arbeitete für Diplomaten, Adelige und das aufstrebende Bürgertum, schuf monumentale Pâtisserie-Skulpturen und prägte Systeme, die bis heute gelten.
Belegtes Zitat: „Eine gute Küche ist das Fundament allen Glücks.“ Ein Satz, der seinen Ernst wie seine Hybris zeigt: Für Carême war Überfluss keine Schwäche, sondern Kultur.

Orson Welles (1915–1985)

Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler, Perfektionist. Sein Werk schwankt zwischen Genie und Selbstzerstörung. Welles’ Filme waren zu groß, zu teuer, zu ambitioniert – und einige der bedeutendsten der Filmgeschichte. Belegtes Zitat: „Ask not what you can do for your country. Ask what’s for lunch.“
Welles verknüpfte Appetit, Größe und Selbstironie zu einer eigenen Lebensphilosophie.


Beziehung

Carême und Welles teilen mehr als Völlerei.
Beide wollten Weltarchitekturen bauen – der eine aus Zucker und Saucen, der andere aus Licht und Schatten. Beide überforderten ihre Zeit. Beide setzten Massstäbe, an denen sie selbst zerbrachen.

Ihre Völlerei besteht nicht im Essen, sondern im ästhetischen Übermass:
– Carêmes Küchenschlachten als Monumente politischer Machtdemonstration.
– Welles’ filmische Exzesse als Angriffe auf die Grenzen des Mediums.

Völlerei wird hier zur künstlerischen Strategie: „Mehr“ als Methode, nicht als Laster.


Fiktives Gespräch

Ort: Eine gigantische Küche, halb real, halb Filmset. Kupferkessel, Scheinwerfer, Pasteten, Kameras. Welles sitzt auf einer Arbeitsplatte, Carême steht vor einem Turm aus Croquembouches.**


Carême: (schneidet eine Karamellkuppel an) Ein Werk muss opulent sein. Alles andere ist Armut des Geistes.

Welles: Opulent? Mein lieber Freund, meine Filme wurden so teuer, dass man mir die Schlüssel zum Studio weggenommen hat.

Carême: Das ist kein Argument gegen Größe. Nur gegen kleine Produzenten.

Welles: Und gegen Köche, die glauben, ein Modell des Vatikans aus Zucker sei eine gute Idee.

Carême: Es war eine hervorragende Idee. Die Gäste sprachen noch Jahre davon.

Welles: Aber niemand hat es aufgegessen.

Carême: Große Werke sind nicht zum Essen da. Sie sind zum Staunen da.

Welles: Ich nenne das Völlerei: zu viel von allem, weil genug nie reicht.

Carême: Völlerei ist ein Vorwurf der Bedürftigen. Wer etwas Großes schafft, muss verschwenderisch sein.

Welles: Da hast du recht. Beim Drehen von „Kane“ war alles verschwenderisch: Zeit, Geld, Energie, Geduld. Und doch – es war notwendig.

Carême: Notwendig, ja. Weil Ambition nie satt wird.

Welles: (lacht) Satt? Satt werde ich selten.

Carême: Ich auch nicht. Darum reden wir hier vom Kern der Sache: Völlerei ist kein Bauch, sondern ein Blick. Ein Hunger auf Welt.

Welles: Und auf Bedeutung.

Carême: Und auf Unsterblichkeit.

Welles: (hebt eine Pastete wie einen Oscar) Dann lass uns anstoßen. Auf das Scheitern im großen Stil.

Carême: Und auf den Triumph des Übermaßes.


Reflexion

Carême und Welles verkörpern Völlerei als Schaffensprinzip:
– Die Lust am Überfluss.
– Die Weigerung, klein zu denken.
– Das Bewusstsein, dass Exzesse Spuren hinterlassen, die Genügsamkeit nie erreichen würde.

Die Sünde wird hier zum ästhetischen Credo:
Mehr ist gefährlich – aber oft das Einzige, das bleibt.


Dieser Artikel entstand mit meinem Custom GPT TitanTalk, kostenlos im Shop von ChatGPT erhältlich. TitanTalk ist auf die Erstellung fiktiver Gespräche spezialisiert. Meine Serie zum Thema Weltbilder, hier im Überblick: Titanen im Gespräch – TitanTalk

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