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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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KI-Kompetenz: Chefs abgehängt?

Als ich diesen Beitrag Ende 2024 schrieb, war meine Diagnose einfach: Die Mitarbeitenden probieren KI aus, die Chefs hinken hinterher. Zwei Jahre später würde ich das so nicht mehr schreiben. Führungskräfte haben aufgeholt. Das eigentliche Problem ist anspruchsvoller geworden.

Die alte Kluft stimmt nicht mehr

Die Vorstellung ist vertraut: Unten experimentieren die Mitarbeitenden längst mit KI, oben sitzt eine Führungsetage, die kaum weiss, was damit anzufangen ist. 2024 traf das vielerorts zu. 2026 ist das Bild differenzierter.

Gallup hat in US-Unternehmen untersucht, wie häufig Beschäftigte KI nutzen, wenn entsprechende Werkzeuge vorhanden sind. 67 Prozent der Führungskräfte verwenden sie mehrmals pro Woche oder häufiger. Bei Managern sind es 52 Prozent, bei Mitarbeitenden ohne Führungsfunktion 46 Prozent.

Die Chefs sind also nicht mehr grundsätzlich abgehängt.

Damit beginnt allerdings erst das interessantere Problem: KI selbst zu benutzen und KI in einer Organisation zu führen, sind zwei verschiedene Fähigkeiten.

Die neue Lücke liegt zwischen Nutzung und Führung

Für die Schweiz liefert der Microsoft Work Trend Index 2026 einen aufschlussreichen Befund. 65 Prozent der Schweizer KI-Nutzenden sagen, sie könnten mit KI heute anspruchsvollere analytische oder kreative Arbeiten erledigen, die ihnen ein Jahr zuvor noch nicht möglich gewesen wären.

Gleichzeitig sagen nur 24 Prozent, ihre Unternehmensleitung sei beim Thema KI klar und konsequent auf eine gemeinsame Strategie ausgerichtet.

Das ist die neue Führungslücke.

KI und Führung im Unternehmen

Die Werkzeuge sind da. Menschen benutzen sie. Sie entwickeln eigene Methoden, bauen persönliche Workflows und entdecken Aufgaben, bei denen KI tatsächlich hilft. Nun muss die Organisation entscheiden, was daraus folgt.

Welche Werkzeuge werden eingesetzt? Welche Daten dürfen hinein? Welche Ergebnisse müssen geprüft werden? Wo spart KI Zeit, und wo verändert sie einen Arbeitsprozess grundsätzlich? Welche Fähigkeiten sollen Mitarbeitende weiterhin selbst beherrschen? Und wer trägt die Verantwortung, wenn etwas schiefläuft?

Darauf gibt es keine Antwort im App Store.

Zugang ist noch keine Kompetenz

Ein Unternehmen kann allen Mitarbeitenden Zugang zu einem leistungsfähigen KI-System geben und trotzdem wenig KI-Kompetenz besitzen.

Zugang ist Infrastruktur. Kompetenz entsteht, wenn Menschen wissen, wofür ein Werkzeug taugt, wo seine Grenzen liegen und wie seine Ergebnisse beurteilt werden.

Gallup zeigt zudem, wie wichtig die direkte Führung ist. Wo Vorgesetzte den KI-Einsatz aktiv unterstützen und die Werkzeuge sinnvoll in bestehende Abläufe integriert sind, werden sie deutlich häufiger tatsächlich genutzt.

Die OECD sieht fehlende Kompetenzen inzwischen als eine der zentralen Hürden für die Einführung von KI. Weiterbildung gehört deshalb nicht ans Ende einer KI-Strategie. Sie ist ein Teil davon.

Was Führung heute klären muss

  • Ziel: Welches konkrete Problem soll KI lösen?
  • Arbeitsweise: Wo unterstützt KI Menschen, wo übernimmt sie Aufgaben und wo bleibt sie draussen?
  • Qualität: Wer prüft Ergebnisse, Fakten, Zahlen und Quellen?
  • Regeln: Welche Systeme, Daten und Anwendungen sind erlaubt?
  • Kompetenz: Welche Fähigkeiten müssen Menschen weiterhin selbst lernen und üben?

Wer automatisiert, muss auch ans Lernen denken

Eine Frage wird dabei immer wichtiger. KI übernimmt besonders leicht Aufgaben, die bisher am Anfang einer beruflichen Laufbahn standen: Informationen zusammentragen, Texte zusammenfassen, erste Analysen erstellen, Entwürfe schreiben, Daten ordnen.

Das spart Zeit. Es waren aber genau diese Arbeiten, an denen Menschen ihr Handwerk gelernt haben.

Wer die Routine automatisiert, muss deshalb auch die Ausbildung neu organisieren.

Sonst verschwinden mit den einfachen Aufgaben irgendwann die Übungsfelder, auf denen Erfahrung entsteht. Zur Frage «Was können wir automatisieren?» gehört deshalb eine zweite: «Was müssen unsere Leute auch in fünf Jahren noch selbst können?»

KI-Kompetenz und menschliches Urteil

Vom Ausprobieren zur Organisation

2024 konnte man Unternehmen noch zurufen: Lasst eure Mitarbeitenden experimentieren. Schaut euch an, was sie mit diesen Werkzeugen machen. Baut KI-Kompetenz auf.

2026 reicht das nicht mehr. Aus einzelnen Tricks müssen verlässliche Arbeitsweisen werden. Aus persönlichen Erfahrungen gemeinsames Wissen. Aus guten Absichten konkrete Regeln. Und aus der Hoffnung auf mehr Produktivität eine Vorstellung davon, welche Arbeit durch KI tatsächlich besser werden soll.

Führungskräfte müssen dafür nicht die besten Prompter im Unternehmen sein. Sie müssen Bedingungen schaffen, unter denen Menschen KI sinnvoll einsetzen können und zugleich Urteil, Verantwortung und ihr eigenes Handwerk behalten.

KI-Kompetenz ist inzwischen weniger ein Softwareproblem. Sie ist Führungsarbeit.

Quellen

  • Microsoft, Work Trend Index 2026: Schweizer Auswertung vom 9. Juli 2026
  • Gallup: AI in the Workplace: What Separates Adopters and Holdouts, 12. April 2026
  • OECD: AI and Skills: What We Know So Far, 5. Juni 2026
  • OECD: Skills in the AI Age, 8. Juli 2026