Direkt zum Inhalt
ralu.ch

Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

Suche

Peter Gabriel

Peter Gabriel

ralu.ch Musik

Musik · Erinnerung · Haltung

A Young Person’s Guide to
Peter
Gabriel

Ein Künstler, fünfzig Jahre, viele Wege

Ich habe Peter Gabriel zuerst gehört, dann gesehen, später über ihn geschrieben und ihn über Jahrzehnte immer wieder live erlebt. Seine Musik führte mich zu anderen Musikern, Produzenten, Klängen, Ideen und schliesslich auch zu Fragen, die weit über Musik hinausreichen.

Dies ist deshalb weder Biografie noch Diskografie. Es ist die Geschichte einer langen Beziehung zu einem Werk – erzählt in neun Bewegungen, Notizen und Werkstationen.

In Dauerschleife

Genesis waren Anfang der Siebzigerjahre eine Band für Eingeweihte. Die Beatles hatten der Popmusik ihr Betriebssystem geschrieben: drei Minuten, ein Refrain, eine Stimme aus dem Radio. Genesis liefen auf einem anderen System. Ihre Stücke dauerten acht, zehn, zwanzig Minuten, gegliedert wie Kammermusik, mit Texten über Rasenmäher, Riesenpflanzen und viktorianische Kinderzimmer. Das Radio spielte davon wenig. Die Songs verbreiteten sich über Plattenläden, Jugendhäuser und Freunde mit einer besseren Anlage.

Progrock hiess das Feld, auf dem die Band spielte: eine Synthese aus Jazz, Klassik, Rock und Oper, üppige Klangwelten, die sich gegen die Charts wehrten und mit Mellotron und zwölfsaitigen Gitarren Kathedralen bauten. Der Punk riss sie 1976 ein. Drei Akkorde, zwei Minuten, ein Verstärker, und der Rock’n’Roll war wieder da, wo er hergekommen war. Wer aus der Prog-Generation danach noch etwas zu sagen hatte, musste umlernen. Peter Gabriel hatte die Band ein Jahr vor dem Punk verlassen. Er hat sich seither mit jeder Phase des Rock’n’Roll befasst, mit New Wave, Weltmusik, Sampling und Stadionpop, und jede überlebt.

Rückblick. Zwei Stücke trugen die frühe Band: «The Knife» vom Album «Trespass» (1970) und «The Musical Box» von «Nursery Cryme» (1971). Beide bauen sich langsam auf und kippen im Finale. In «The Knife» ruft der Sänger zur Revolution und wird von ihr verschlungen. In «The Musical Box» altert ein Knabe in Sekunden zum Greis und verlangt Berührung. 1973 erschien «Genesis Live», mitgeschnitten in Leicester und Manchester, ursprünglich für eine amerikanische Radiosendung gedacht. Beide Stücke stehen darauf. Für mich und viele Hörer auf dem Kontinent war diese Platte der Einstieg – zuerst gehört im Sommercasino Basel: fünf Songs ohne Studiopolitur, die Band im Zustand ihrer Tourneen. Auf Platte hört man die Finali als Steigerung. Auf der Bühne wurde daraus Theater: Gabriel kündigte die Songs mit erfundenen Geschichten an, trug Fuchskopf und Kleid, Blumenmaske und Greisenmaske. Die englische Kritik hielt das zunächst für Kunstschulen-Kabarett. Das Publikum in Italien, Belgien und der Schweiz verstand es früher als London: Diese Musik hatte Räume, in die man hineingehen konnte.

Wer die Stücke auswendig kannte und dann ein Konzert sah, lernte den Unterschied zwischen Kennen und Sehen. Das ist die Ausgangslage dieser Seite.

Der doppelte Sänger

«The Lamb Lies Down on Broadway» ist der Höhepunkt der klassischen Prog-Genesis und zugleich ihr Ende. Das Doppelalbum von 1974 erzählt die Geschichte von Rael, einem puertoricanischen Strassenjungen aus New York, der durch einen Riss in der Wirklichkeit in eine Unterwelt aus Käfigen, Lamias und Slippermen gerät. Gabriel hatte darauf bestanden, die Texte allein zu schreiben. Sein Argument: Ein Roman entsteht nie in einem Komitee. Für eine Band, die sich seit der Schulzeit als Kollektiv verstand, war das ein Affront. Ich gebe zu, ich verstehe die ganze Geschichte bis heute nicht so richtig. Intuitiv vielleicht schon.

Während die anderen vier in Headley Grange im Keller komponierten, sass der Sänger allein über den Wörtern, verhandelte zwischendurch mit William Friedkin (Exorzist) über einen Film und pendelte zur Klinik, in der seine neugeborene Tochter um ihr Leben kämpfte. Das Album entstand aus dieser Spannung, und man hört sie. Gabriel wollte nicht mehr wissen, auf welcher Bühne er in einem Jahr stehen würde und welches Studio in zwei Jahren bereits gebucht war. Er wollte aussteigen.

Rael wird auf dem Broadway von einer Wand aus Staub verschluckt und erwacht in einer Zwischenwelt: ein Kokon, ein Käfig aus weichem Gewebe, Lamias, die sich von seinem Blut nähren und daran sterben, Slippermen, die für die Gefangenschaft im eigenen Trieb stehen und ihm eine Kastration abverlangen. Am Ende rettet er seinen Bruder John aus dem Fluss und erkennt in dessen Gesicht sein eigenes. Gabriel berief sich auf C. G. Jung; was bleibt, ist das flirrende «it». Wer die Geschichte beim ersten Hören versteht, hat sie vermutlich falsch verstanden. Bei diesem Album ist das kein Fehler, denke ich.

Die Tournee lief von November 1974 bis Mai 1975, 102 Konzerte in Nordamerika und Europa, jeden Abend das ganze Werk in der Reihenfolge der Platte, ohne «Supper’s Ready» als Trost. Bei den ersten US-Konzerten stand das Album wegen Verzögerungen beim Artwork noch nicht in den Läden. Das Publikum war völlig unvorbereitet. Drei Leinwände zeigten rund 1450 Dias, die die Handlung kommentierten, verdoppelten oder verfremdeten; Projektoren klemmten, Dias schmolzen in der Hitze der Lampen. Gabriel wechselte die Kostüme wie Rael die Stationen, bis hin zum aufgeblasenen Slipperman, aus dem er kaum singen konnte. Der Höhepunkt kam am Schluss: Bei «it» stieg er durch eine Falltür ab, Rauch, ein Blitz, und am Mikrofon stand ein zweiter Gabriel, eine lebensgrosse Puppe, während der echte am anderen Ende der Bühne auftauchte. Zwei Sänger, und keiner wusste, welcher der echte war. Ich auch nicht.

Die Kritiker schrieben über Kostüme. Die vier Musiker im Halbdunkel lasen sich in den Rezensionen als «Peter Gabriel und seine Begleitband». Gabriel teilte der Band während der US-Etappe mit, dass er nach der Tournee gehen werde; man einigte sich, es bis zum letzten Konzert geheim zu halten. Am 22. Mai 1975 endete die Tournee in Besançon. Gabriel zog sich zurück, pflanzte Gemüse, kümmerte sich um die Familie. Zwei Jahre später erschien «Solsbury Hill», sein Abschied in Liedform. Genesis machten mit Phil Collins am Mikrofon weiter und wurden grösser, als sie mit Gabriel je gewesen waren. Beide Seiten behielten recht. Das ist die seltene Pointe dieser Trennung.

Am Freitag, 28. Februar 1975, gastierte die Produktion in Halle B des Parc des Expositions in Colmar. Die Stadt Colmar führt den Abend in ihrer Mediatheks-Chronik, Bootleg-Archive verzeichnen einen Publikumsmitschnitt. Gabriel hatte der Band zu diesem Zeitpunkt intern bereits mitgeteilt, dass er nach der Tournee gehen würde. Öffentlich wurde es im August 1975. Wer in Colmar war, sah den Sänger in seiner letzten Rolle. Ich wusste nichts davon, aber ich war dabei.

Keine gute Aufnahme, einfach als Zeitdokument hier erwähnt:

TLLDOB, LIVE

Interessanter finde ich die Slides der Bühnenshow, die hier zusammengestellt wurden auf YouTube.

Und hier die Erinnerungen der Musiker an das Album und den Entstehungsprozess.

Colmar · Parc des Expositions, Halle B · The Lamb Lies Down on Broadway. Konzertdatum: Genesis-Ticketarchiv 1975. Flug, Projektion und Verdoppelung sind persönliche Erinnerung. Und ein Gedränge vor dem Einlass, das mir fast den Atem raubte.

Nach dem Kostüm

Nach Genesis verlagerte sich ein Teil des Theaters ins Tonstudio. Die ersten vier Soloalben heissen alle «Peter Gabriel». Das war Absicht von PG – und für die Plattenfirmen ein Ärgernis. Gabriel verglich seine Alben mit den Ausgaben einer Zeitschrift: Niemand erwarte vom neuen «Time Magazine» einen neuen Titel, es genüge das Cover und die Nummer. Gebräuchlich wurden (auf Drängen der Plattenfirma in den USA) die Namen «Car» (1977), «Scratch» (1978), «Melt» (1980) und «Security» (1982). Die ersten drei beziehen sich auf die Hipgnosis-Cover; der vierte kam von der amerikanischen Plattenfirma. Vier Platten, vier Produzenten, jedes Mal ein Wechsel der Methode. Atlantic lehnte das dritte Album für die USA als unverkäuflich ab. In Grossbritannien ging es auf Platz eins. Bei der vierten Platte klebte Geffen ohne grosse Rücksprache den Namen «Security» auf die Hülle, damit die Lager es einordnen konnten. Gabriel liess es geschehen. Er hatte seinen Punkt gemacht. Die Namen blieben an den Platten haften.

1977, Bob Ezrin

«Car»

Gabriel hinter einer regennassen Windschutzscheibe. Ein Befreiungsschlag mit Orchester und «Solsbury Hill», dem Abschied von Genesis als Lied. Ezrin gab dem Album Breite; Gabriel suchte danach das Gegenteil. Hauptsache nicht so klingen wie in seiner früheren Genesis-Zeit. Der Song «Solsbury Hill» erzählt seine Befreiung – und wurde ein Hit. Guter Start.

1978, Robert Fripp

«Scratch»

Fingernägel ziehen Spuren durchs eigene Foto. Asketisch, kantig, kalt. Die Platte, die Gabriel-Hörer bis heute am stärksten trennt.

1980, Steve Lillywhite

«Melt»

Das Gesicht zerfliesst wie Wachs. Hier liegt die Zäsur: Beckenverbot für den Schlagzeuger, Gated-Drum-Sound (der später von Phil Collins verwendet wurde), «Biko», «Games Without Frontiers». Politische Paranoia in einer Klangsprache, die die Achtzigerjahre vorwegnahm.

1982, David Lord und Gabriel

«Security»

Ein verzerrtes Videogesicht. Der Fairlight hielt Einzug, mit ihm das Sampling, und afrikanische Rhythmik verschmolz mit westlicher Songform: «The Rhythm of the Heat», «San Jacinto», «Shock the Monkey». Das erste Album, das nach Real World klingt, Jahre bevor es Real World gab. Die Kriegsbemalung-Optik spiegelte diese rohe, rituelle Ästhetik wider. Bekannt wurde vor allem das schwarz-blaue, maskenhafte Augen-Make-up.

Vier Häutungen in fünf Jahren, jedes Mal ein anderer Produzent, damit sich keine Routine einnistet. Die Theatralik der Genesis-Jahre wanderte von den Masken in die Produktionsweise.

Das dritte Album markiert den Bruch. Gabriel begann beim Rhythmus: Er programmierte Schlagzeugmuster und baute Melodien und Arrangements darüber, ein Verfahren, das er seither beibehalten hat. Gabriel bat die Schlagzeuger, auf Becken und Hi-Hats zu verzichten. Beim Eröffnungsstück «Intruder» sass Phil Collins am Schlagzeug, und Toningenieur Hugh Padgham verband den stark komprimierten Raumklang mit einem Gate, das ihn abrupt abschnitt. Dieser «Gated Drum Sound» prägte das Stück. Collins nahm ihn mit zu «In the Air Tonight», und die Achtzigerjahre klangen danach.

«So» (1986) zeigt die andere Seite. Produzent Daniel Lanois holte Gabriel aus dem Dunkel. «Sledgehammer» ist eine Verbeugung vor Otis Redding und dem Stax-Sound; Wayne Jackson von den Memphis Horns spielte die Bläser ein. Gabriel war funky. Das Stück wurde in den USA ein Nummer-eins-Hit, das Video mit seinen Knetfiguren gehört zu den meistgespielten der MTV-Geschichte. Die düsteren Klangräume und der Soul gehören beide zu Gabriel; «So» brachte beides vor ein grosses Publikum. «Us» (1992) wendete den Blick dann nach innen: Scheidung, Therapie, Trennung, Probleme mit der Tochter, verarbeitet in Songs wie «Digging in the Dirt» und «Blood of Eden».

1977Der erste SchrittPeter Gabriel · «Car»
1980Rhythmus als AusgangspunktPeter Gabriel · «Melt»
1986Soul und StudioexperimentSo
1992Innere LandschaftenUs
Gabriel über die Aufnahmen
Das dritte Album ↗
«So» ↗

Ein Ohr lernt hören

Gabriels Diskografie ist für mich ein Verkehrsknoten. Wer ihr folgt, landet bei Produzenten, Gastsängerinnen und Rhythmusgruppen, die eigene Werke haben. Fünf der ersten sechs Namen stehen für gemeinsame Aufnahmen; Otis Redding steht für einen prägenden Einfluss. Die letzten zwei sind meine Hörverwandtschaften, keine dokumentierten Verbindungen.

Robert FrippSchärfe · Struktur · Zusammenarbeit

Der King-Crimson-Gitarrist spielte in Gabriels erster Tourband und produzierte 1978 das zweite Album. Er drängte auf wenige Durchläufe und verwarf Ideen nach drei Versuchen. Seine «Frippertronics»-Schleifen prägen «Exposure». Das Album blieb kommerziell hinter dem ersten zurück und ist bis heute Gabriels kantigstes.

Brian EnoStudio · Möglichkeit · Zusammenarbeit

Eno macht das Studio zum Instrument. Auf «i/o» (2023) produzierte er mit Gabriel mehrere Stücke, darunter «Panopticom» und «Road to Joy», und spielte manipulierte Gitarre und Ukulele ein. Zwei Männer, die seit den Siebzigerjahren an denselben Fragen arbeiten. Ihre Verbindung reicht bis zu Enos Klangbearbeitungen auf «The Lamb Lies Down on Broadway» zurück. Eno brachte Bläser in seinen Sound.

Otis ReddingStimme · Dringlichkeit · Einfluss

Gabriel nennt ihn seinen Lieblingssänger. 1967 sah er Redding im Londoner Ram Jam Club. «Sledgehammer» ist die Einlösung dieser Liebe, bis hin zu den Bläsern aus Memphis.

Kate BushFigur · Nähe · Zusammenarbeit

Sie sang 1980 den Kehrreim in «Games Without Frontiers» und 1986 die zweite Stimme in «Don’t Give Up». Dort bleibt sie an der Seite eines Menschen, der den Halt verliert. Sie waren auch privat sehr eng.

Youssou N’DourDialog · Öffnung · Zusammenarbeit

Der Senegalese singt den Schluss von «In Your Eyes» in Wolof. Eine Stimme tritt hinzu und beansprucht ihren eigenen Raum. Später nahm Gabriel mit ihm «Shaking the Tree» auf, ein Lied über die Rechte von Frauen in Afrika.

Laurie AndersonSprache · Technik · Zusammenarbeit

«Excellent Birds» erschien 1984 auf Andersons «Mister Heartbreak». Zwei Jahre später landete das Stück als «This Is the Picture (Excellent Birds)» auf der CD-Fassung von «So». Zwei Rhythmiker der Sprache, die sich im Eigensinn begegnen. Unterschiedliche Fassungen.

Talk TalkReduktion · Raum · Hörverwandtschaft

Hörverbindung: Wie viel Spannung entsteht, wenn Musik Platz für Pausen lässt? «Spirit of Eden» (1988) beantwortet die Frage auf seine Weise.

Massive AttackNachhall · Tiefe · Hörverwandtschaft

Eine weitere Hörverwandtschaft: Bass, Atmosphäre und Stimmen, die einen ganzen Raum verändern. Bristol liegt in derselben Region wie Gabriels Studios in Box bei Bath, das er sich aus den Erlösen des Hitalbums «So» kaufte, um unabhängig zu sein.

Gemeinsame Arbeiten: Peter Gabriel 2, So und Road to Joy. Zu Otis Redding: Gabriels Rückblick bei ABC Nightline.

Der Weltstar als Durchgangsstation

«So» verkaufte sich weltweit millionenfach und machte Gabriel zum Stadionkünstler. Das Album lässt sich auch anders hören: als Platte der Begegnungen. Daniel Lanois produzierte, Tony Levin, David Rhodes und Manu Katché bildeten den Kern der Band. Drei Stücke zeigen, wie unterschiedlich ein Gast einen Song verändern kann.

So · 01

In Your Eyes

Das Lied beginnt als Liebeslied und öffnet sich im letzten Drittel. Youssou N’Dour übernimmt den Gesang, auf Wolof, in einer Tonlage, die Gabriel nicht hat. Das Stück gewinnt eine zweite Perspektive und einen zweiten Kontinent. Auf der Bühne dauerte die Nummer später bis zu zehn Minuten. Hier in der Version mit Paula Cole.

So · 02

Don’t Give Up

Gabriel schrieb das Lied nach Dorothea Langes Fotografien aus der Weltwirtschaftskrise und unter dem Eindruck der Arbeitslosigkeit im England der Thatcher-Jahre. Er wollte zuerst Dolly Parton als Duettpartnerin. Kate Bush antwortet auf Verzweiflung mit Beharrlichkeit. Trost bekommt eine eigene Stimme. Einfacher kann man einen Clip nicht drehen.

So · 03

This Is the Picture (Excellent Birds)

Mit Laurie Anderson wird aus Sprache Rhythmus. Wörter werden zu Schlagzeug, das Bild zum Refrain. Das Stück fehlt auf der ursprünglichen LP und steht auf den damaligen CD- und Kassettenfassungen, als Fussnote am Ende eines Albums, das sonst aus Hits besteht. Gabriel Version.

Mitwirkende und Entstehung: offizielle Albumseite zu «So». Die Hörnotizen sind Einordnung des Autors.

Die Richtung des Blicks

Mit dem dritten Album änderte sich auch das Personal der Songs. Vorher sangen Gabriels Figuren über sich selbst, über Träume, Zimmer und Familienfotos. Ab 1980 bekamen sie Namen aus der Zeitung.

«Biko» ist das Beispiel. Steve Biko, Anführer der Black-Consciousness-Bewegung, starb 1977 in südafrikanischem Polizeigewahrsam. Gabriel gab dem Namen musikalisches Gewicht: Surdo-Trommeln, Dudelsäcke, ein Chor, der sich am Ende vom Sänger löst und das Lied allein zu Ende trägt. Das Stück wurde zur Hymne der Anti-Apartheid-Bewegung. Gabriel hat später beschrieben, wie «Biko» ihn selbst zu Amnesty International und zum Engagement für Menschenrechte führte. Ein Lied kann auch seinen Autor verändern.

Die Spur setzt sich fort. «Wallflower» (1982) richtet den Blick auf politische Gefangene, ohne Ort und Land zu nennen, damit jeder Ort und jedes Land gemeint sein kann. «Games Without Frontiers» (1980) macht aus dem Spiel ohne Grenzen eine Parabel auf Politik als Sandkasten. «Don’t Give Up» (1986) lässt neben der Verzweiflung eine zweite Stimme bestehen. «I Grieve» und «Darkness» auf «Up» (2002) wenden den Blick zurück ins Innere: Trauer, Angst, das Kind im Erwachsenen. Der Weg von der Schlagzeile zurück zur eigenen Person ist bei Gabriel eine Rundreise.

Von «I Grieve» gibt es zwei Versionen. Hier jene, die optimistischer endet. Der Film «City of Angels» ist eine Adaption von Wim Wenders «Der Himmel über Berlin». Es ist quasi die kitschigere Hollywood-Variante mit Nicolas Cage und Meg Ryan: «I Grieve».

Menschenrechte Biko
Gefangenschaft Wallflower
Verlust I Grieve
Angst Darkness
Solidarität Don’t Give Up

Die Welt ist kein Klangarchiv

Das erste WOMAD-Festival fand 1982 in Shepton Mallet statt. Es war künstlerisch ein Erfolg und finanziell ein Desaster. Gabriel erhielt Morddrohungen von Gläubigern. Genesis spielten im Oktober 1982 in Milton Keynes ein einmaliges Reunion-Konzert unter dem Titel «Six of the Best», um die Schulden zu decken. Alte Freunde halten zusammen. So beginnt die Geschichte des Labels, das sieben Jahre später aus WOMAD hervorging.

Real World Records entstand 1989 aus der Zusammenarbeit von WOMAD und Peter Gabriel. Das Label sollte Musikern Aufnahmebedingungen und ein Publikum über ihre Herkunftsregion hinaus eröffnen. Nusrat Fateh Ali Khan, Musiker aus Pakistan, Guinea, Madagaskar, Armenien: Sie kamen nach Box bei Bath, nahmen in seinen Real World Studios auf, und ihre Platten standen im selben Regal wie Gabriels eigene.

Dieses Regal hat einen Haken. Unter dem Etikett «Weltmusik» landet leicht alles, was im westlichen Plattenladen kein eigenes Fach hat. Der Begriff wurde 1987 in einem Londoner Pub als Marketingkategorie beschlossen. Die Unterschiede zwischen einem Qawwali-Sänger aus Lahore und einem Kora-Spieler aus Bamako verschwinden darin schneller als die Grenzen. Real World bewegt sich in diesem Widerspruch und hat zugleich einen Ausweg gezeigt: Die Namen der anderen stehen auf den Covern, ihre Musik wird ganz veröffentlicht, ohne Gabriel als Türsteher.

Ob das funktioniert, entscheidet sich beim Hörer. Massstab ist, ob eine Begegnung zum Weiterhören führt.

Gründung und Selbstverständnis: Real World Records.

Die Bühne denkt mit

Bei Peter Gabriel greift die Bühne in das Geschehen ein: nicht als Kulisse, sondern als Raum, Maschine und Mitspieler. Das begann nicht erst im Stadion.

Als Gabriel im Dezember 1978 im Kongresssaal der Basler Mustermesse gastierte, gab es zu Beginn gar keine Bühne: Die Musiker tauchten mit Handscheinwerfern mitten im Publikum auf, suchten einander im Dunkeln und bahnten sich den Weg nach vorne. Die Suche nach dem gemeinsamen Ton war bereits Teil der Aufführung.

Die Dramaturgie des Theaters: Robert Lepage. Die entscheidende Wende im Bühnenraum markiert die Zusammenarbeit mit Robert Lepage. Der Regisseur aus Québec brachte etwas mit, das im Rockbetrieb selten war: Er verstand ein Konzert nicht als Abfolge von Song, Licht und Applaus, sondern dachte den Abend wie ein klassisches Theaterstück mit Exposition, innerer Reibung und Abgang. Gabriels Lieder hatten sich diesen Raum seit «The Lamb Lies Down on Broadway» gewünscht.

Secret World (1993/94) – Kopf und Bauch. Das Album «Us» handelte von Scheidung, Therapie und Scham. Die Aufgabe hiess: Wie bringt man diese verletzliche Intimität in Hallen mit 15’000 Menschen? Lepage baute zwei Welten: eine eckige Bühne für das Urbane, Männliche, den Verstand – und eine runde mit durchscheinender Kuppel für das Organische, Weibliche, den Bauch. Dazwischen ein motorisiertes Laufband, das je nach Stück zur Strasse, zum Fluss oder zur Telefonleitung wurde. Zu Beginn stieg eine rote britische Telefonzelle aus dem Boden, aus der Gabriel bei «Come Talk to Me» sang. Am Ende, bei «Secret World», öffnete sich ein Koffer über einer Bodenklappe: Die Musiker stiegen nacheinander hinein und verschwanden. Die Show endete als buchstäbliche Abreise.

Growing Up (2002/03) – Die Manege. Nach dem schweren, düsteren «Up» suchte Gabriel ein offenes Raumgefühl. Lepage wählte die Zirkusarena: Eine Rundbühne mitten im Saal, darüber ein gigantischer Technikring, der sich heben, senken und neigen liess. Bei «Growing Up» rollte Gabriel in einer transparenten Riesenblase über die Bühne; bei «Downside Up» sangen er und seine Tochter Melanie kopfüber an Seilen hängend; bei «Solsbury Hill» drehte er Runden auf dem Fahrrad. Das Publikum blickte rundherum und sah den Mechanismus offenliegen.

Bildwelt von i/o (2023) – Ein Finger gegen die Macht. Auf der jüngsten Tournee trat anstelle der Maschinerie die zeitgenössische Kunst. Jeder Song korrespondierte mit einer visuellen Arbeit – von David Spriggs bis zu Ai Weiweis berühmtem «Middle Finger in Pink» bei «Road to Joy». Gabriel verband das Werk des regimekritischen Künstlers mit dem Erwachen aus dem Koma: die Geste als Trotz gegen das Verstummen.

Wer tiefer in diese Bildwelten eintauchen möchte, findet auf YouTube und vor allem auf Gabriels eigener Seite reiches Anschauungsmaterial. Als wunderbare Übersicht über alle Epochen dient dieser Einstieg.

Belege: Konzertarchiv 1978, Secret World Live, Growing Up Live und Road to Joy.

Der Musiker baut Infrastruktur

Ein Konzert endet. Ein Festival, ein Studio oder eine Organisation kann über den Abend hinaus etwas ermöglichen. Neben Gabriels Alben ist ein Netz von Festivals, Studios und Organisationen entstanden. Die Unterschiede sind wichtig: WOMAD und Real World hat er mitgegründet. WITNESS entstand mit Partnern. An «Human Rights Now!» wirkte er als Künstler mit. Alle vier gehen über eine politische Ansage zwischen zwei Songs hinaus.

Das Werk in Tönen

Fünfzig Jahre Musik lassen sich nicht auf Hits reduzieren. Eine Annäherung an Peter Gabriels Alben in vier Werkgruppen.

Die vier Titellosen (1977–1982)

1977 · Bob Ezrin

«Car» (Peter Gabriel 1)

Bob Ezrin gab dem Debüt eine fast barocke Rock-Orchestrierung, die Gabriel sofort von den langen Genesis-Epen löste. Mitten im Aufbruch steht «Solsbury Hill» als leichtfüssige, befreiende Kündigungserklärung an seine alte Band. Ein Album des Suchens, das bewies, dass diese Stimme auch ohne Kostüme und Masken trägt.

Charts: DE 24 · UK 7 · US 38 · Verkäufe: + 2.000.000

1978 · Robert Fripp

«Scratch» (Peter Gabriel 2)

Gemeinsam mit Robert Fripp radikalisierte Gabriel den Klang zu einer spröden, fast kühlen Disziplin. Frippertronics und reduzierte Arrangements ersetzten den Pomp des Erstlings und liessen wenig Raum für Radio-Gefälligkeit. Bis heute gilt das Album unter Hörern als das unzugänglichste, aber auch eigensinnigste Werk dieser ersten Phase.

Charts: DE 49 · UK 10 · US 45 · Verkäufe: + 1.000.000

1980 · Steve Lillywhite

«Melt» (Peter Gabriel 3)

Mit Steve Lillywhite gelang der eigentliche klangliche Befreiungsschlag: Ein striktes Beckenverbot für die Schlagzeuger gebar den weltberühmten «Gated Drum Sound». Politische Paranoia, Identitätsverlust und mit «Biko» die erste grosse Hymne gegen das Unrecht in Südafrika machen die Platte zum Meisterwerk. Gabriel sang das gesamte Album zudem auf Deutsch ein.

Charts: DE 9 · UK 1 · US 22 · Verkäufe: + 1.500.000

1982 · David Lord & Peter Gabriel

«Security» (Peter Gabriel 4)

Der Fairlight-Sampler hielt Einzug und verschmolz afrikanische Rhythmik mit westlicher Studioelektronik zu einer rituellen Urgewalt. Stücke wie «The Rhythm of the Heat» und «San Jacinto» klingen wie Zeremonien, Jahre bevor der Begriff «Weltmusik» im Plattenladen existierte. Visuell und klanglich erfand sich Gabriel hier als Schamane neu, der Songstrukturen vollends aufbrach.

Charts: DE 84 · UK 6 · US 28 · Verkäufe: + 2.500.000

Die Zwei-Buchstaben-Ära & die Gegenwart

1986 · Daniel Lanois

«So»

Gemeinsam mit Daniel Lanois trat Gabriel aus den Schatten direkt in den weltweiten Stadionpop. «Sledgehammer» brachte ihm mit Memphis-Soul und revolutionärer Knetanimation MTV-Dauerrotation, während Duette mit Kate Bush und Youssou N’Dour seelische Tiefe garantierten. Das Album machte ihn zum Weltstar, ohne dass er dafür seine künstlerische Integrität verkaufen musste.

Charts: DE 2 · AT 1 · CH 2 · UK 1 · US 2 · Verkäufe: + 10.000.000

1992 · Daniel Lanois

«Us»

Sechs Jahre nach dem Megaseller wandte Gabriel den Blick radikal nach innen auf Scheidung, Entfremdung und Psychotherapie. Songs wie «Digging in the Dirt» und «Blood of Eden» klingen intim, verletzlich und durch Lanois’ dichte Produktion fast klaustrophobisch. Ein schmerzhaft ehrliches Album, das dem lauten Erfolg von «So» eine introspektive Reife entgegensetzte.

Charts: DE 1 · AT 10 · CH 2 · UK 2 · US 2 · Verkäufe: + 2.370.000

2002 · Peter Gabriel

«Up»

Zehn Jahre Reifezeit führten zu einem düsteren, basslastigen Koloss über Alter, Vergänglichkeit und Tod. Klangexperimente treffen auf orchestrale Wucht, hörbar in den Kontrasten von «Darkness» oder dem tröstlichen «I Grieve». Es ist das kompromissloseste Spätwerk eines Künstlers, der sich den Gesetzen des schnellen Popmarkts längst entzogen hatte.

Charts: DE 4 · AT 9 · CH 4 · UK 11 · US 9

2023 · Gabriel & Weggefährten

«i/o»

Nach über zwei Jahrzehnten des Wartens erschien das Album im Rhythmus des Mondkalenders – Stück für Stück zu jedem Vollmond. Brian Eno und alte Weggefährten halfen, Themen wie Verbundenheit, künstliche Intelligenz und Sterblichkeit mit einer gelassenen Wärme zu vertonen. Zwei unterschiedliche Endmischungen (Bright-Side und Dark-Side) zeugen von Gabriels unverminderter Faszination für klangliche Perspektiven.

Charts: DE 2 · AT 3 · CH 2 · UK 1 · US 99

In Arbeit · Folgeprojekt

«o/i»

Das angekündigte Schwester- und Folgeprojekt zu «i/o», das während der jahrelangen Sessions entstandene Stücke weiterdenkt und den Blickwinkel nochmals umkehrt.

Konzeptuell angekündigt · Real World Records

Soundtracks & FilmprojekteInstrumentale Klangräume

«Birdy» (1985): Für Alan Parkers Film destillierte Gabriel Instrumentalpassagen seiner ersten Alben neu. (UK 51 · US 162)

«Passion» (1989): Die Musik zu Scorseses «The Last Temptation of Christ» wurde zum Meilenstein: Ein visionärer Teppich aus Instrumenten des Nahen Ostens und Nordafrikas, der Real World Records begründete. (DE 30 · UK 29 · US 60)

«OVO» (2000): Die Millennium-Show im Londoner Dome – ein monumentales Spektakel über Arbeit, Technik und Schöpfung. (DE 14 · CH 27 · UK 24)

«Long Walk Home» (2002): Australische Landschaften, Stimmen der Aborigines und Ambientklänge für Phillip Noyces «Rabbit-Proof Fence». (DE 78)

Bühnendokumente & OrchesterLive & Transformation

«Plays Live» (1983): Der Schweiss der frühen Tourneen: Rohe Bühnenenergie, vor allem getragen von der Ästhetik des vierten Albums. (DE 40 · UK 8 · US 44)

«Secret World Live» (1994): Lepages Meisterbühne auf Tonträger; der Dialog mit Paula Cole und die Wucht von Manu Katchés Schlagzeugspiel. (DE 8 · AT 8 · CH 10 · UK 10 · US 23)

«Scratch My Back» (2010) & «New Blood» (2011): Ein radikaler Schritt ohne Schlagzeug und Gitarren: Gabriel interpretiert fremde und eigene Songs rein mit Orchesterbesetzung.

«Live at WOMAD 1982» / «In the Big Room» (2025): Späte, sorgfältig restaurierte Archivveröffentlichungen aus den Schlüsseljahren des Aufbruchs.

MyFavourites…Change all the time

Persönliche Vorlieben sind keine Denkmäler – sie wandern, verändern sich mit den Jahren und öffnen immer wieder neue Türen.

Drei Momentaufnahmen aus unterschiedlichen Zeiten und Welten: Die rohe, fast physische Wucht von «Digging in the Dirt» auf der rotierenden Manege der Growing Up-Tour; die stille, zeitlose Eleganz des gemeinsamen Videos mit Joni Mitchell zu «My Secret Place»; und schliesslich die orchestrale Zartheit von «The Book of Love», wo Gabriel mit dem New Blood Orchestra einem fremden Song eine unvergleichliche eigene Seele einhaucht.