Peter Gabriel

Musik · Erinnerung · Haltung
A Young Person’s Guide toPeter Gabriel
Wie das Radio einen Körper bekam.
In Dauerschleife
Genesis waren Anfang der Siebzigerjahre eine Band für Eingeweihte. Die Beatles hatten der Popmusik ihr Betriebssystem geschrieben: drei Minuten, ein Refrain, eine Stimme aus dem Radio. Genesis liefen auf einem anderen System. Ihre Stücke dauerten acht, zehn, zwanzig Minuten, gegliedert wie Kammermusik, mit Texten über Rasenmäher, Riesenpflanzen und viktorianische Kinderzimmer. Das Radio spielte davon wenig. Die Songs verbreiteten sich über Plattenläden, Jugendhäuser und Freunde mit einer besseren Anlage.
Progrock hiess das Feld, auf dem die Band spielte: eine Synthese aus Jazz, Klassik, Rock und Oper, üppige Klangwelten, die sich gegen die Charts wehrten und mit Mellotron und zwölfsaitigen Gitarren Kathedralen bauten. Der Punk riss sie 1976 ein. Drei Akkorde, zwei Minuten, ein Verstärker, und der Rock’n’Roll war wieder da, wo er hergekommen war. Wer aus der Prog-Generation danach noch etwas zu sagen hatte, musste umlernen. Peter Gabriel hatte die Band ein Jahr vor dem Punk verlassen. Er hat sich seither mit jeder Phase des Rock’n’Roll befasst, mit New Wave, Weltmusik, Sampling und Stadionpop, und jede überlebt.
Rückblick. Zwei Stücke trugen die frühe Band: «The Knife» vom Album «Trespass» (1970) und «The Musical Box» von «Nursery Cryme» (1971). Beide bauen sich langsam auf und kippen im Finale. In «The Knife» ruft der Sänger zur Revolution und wird von ihr verschlungen. In «The Musical Box» altert ein Knabe in Sekunden zum Greis und verlangt Berührung. 1973 erschien «Genesis Live», mitgeschnitten in Leicester und Manchester, ursprünglich für eine amerikanische Radiosendung gedacht. Beide Stücke stehen darauf. Für viele Hörer auf dem Kontinent war diese Platte der Einstieg: fünf Songs ohne Studiopolitur, die Band im Zustand ihrer Tourneen. Auf Platte hört man die Finali als Steigerung. Auf der Bühne wurde daraus Theater: Gabriel kündigte die Songs mit erfundenen Geschichten an, trug Fuchskopf und Kleid, Blumenmaske und Greisenmaske. Die englische Kritik hielt das zunächst für Kunstschulen-Kabarett. Das Publikum in Italien, Belgien und der Schweiz verstand es früher als London: Diese Musik hatte Räume, in die man hineingehen konnte.
Wer die Stücke auswendig kannte und dann ein Konzert sah, lernte den Unterschied zwischen Kennen und Sehen. Das ist die Ausgangslage dieser Seite.
Der doppelte Sänger
«The Lamb Lies Down on Broadway» ist der Höhepunkt der klassischen Genesis und zugleich ihr Ende. Das Doppelalbum von 1974 erzählt die Geschichte von Rael, einem puertoricanischen Strassenjungen aus New York, der durch einen Riss in der Wirklichkeit in eine Unterwelt aus Käfigen, Lamias und Slippermen gerät. Gabriel hatte darauf bestanden, die Texte allein zu schreiben. Sein Argument: Ein Roman entsteht nie in einem Komitee. Für eine Band, die sich seit der Schulzeit als Kollektiv verstand, war das ein Affront.
Während die anderen vier in Headley Grange im Keller komponierten, sass der Sänger allein über den Wörtern, verhandelte zwischendurch mit William Friedkin über einen Film und pendelte zur Klinik, in der seine neugeborene Tochter um ihr Leben kämpfte. Das Album entstand aus dieser Spannung, und man hört sie.
Rael wird auf dem Broadway von einer Wand aus Staub verschluckt und erwacht in einer Zwischenwelt: ein Kokon, ein Käfig aus weichem Gewebe, Lamias, die sich von seinem Blut nähren und daran sterben, Slippermen, die für die Gefangenschaft im eigenen Trieb stehen und ihm eine Kastration abverlangen. Am Ende rettet er seinen Bruder John aus dem Fluss und erkennt in dessen Gesicht sein eigenes. Gabriel berief sich auf C. G. Jung; was bleibt, ist das flirrende «it». Wer die Geschichte beim ersten Hören versteht, hat sie vermutlich falsch verstanden. Bei diesem Album ist das kein Fehler.
Die Tournee lief von November 1974 bis Mai 1975, 102 Konzerte in Nordamerika und Europa, jeden Abend das ganze Werk in der Reihenfolge der Platte, ohne «Supper’s Ready» als Trost. Bei den ersten US-Konzerten stand das Album wegen Verzögerungen beim Artwork noch nicht in den Läden. Drei Leinwände zeigten rund 1450 Dias, die die Handlung kommentierten, verdoppelten oder verfremdeten; Projektoren klemmten, Dias schmolzen in der Hitze der Lampen. Gabriel wechselte die Kostüme wie Rael die Stationen, bis hin zum aufgeblasenen Slipperman, aus dem er kaum singen konnte. Der Höhepunkt kam am Schluss: Bei «it» stieg er durch eine Falltür ab, Rauch, ein Blitz, und am Mikrofon stand ein zweiter Gabriel, eine lebensgrosse Puppe, während der echte am anderen Ende der Bühne auftauchte. Zwei Sänger, und keiner wusste, welcher der echte war.
Die Kritiker schrieben über Kostüme. Die vier Musiker im Halbdunkel lasen sich in den Rezensionen als «Peter Gabriel und seine Begleitband». Gabriel teilte der Band während der US-Etappe mit, dass er nach der Tournee gehen werde; man einigte sich, es bis zum letzten Konzert geheim zu halten. Am 22. Mai 1975 endete die Tournee in Besançon. Gabriel zog sich zurück, pflanzte Gemüse, kümmerte sich um die Familie. Zwei Jahre später erschien «Solsbury Hill», sein Abschied in Liedform. Genesis machten mit Phil Collins am Mikrofon weiter und wurden grösser, als sie mit Gabriel je gewesen waren. Beide Seiten behielten recht. Das ist die seltene Pointe dieser Trennung.
Am Freitag, 28. Februar 1975, gastierte die Produktion in Halle B des Parc des Expositions in Colmar. Die Stadt Colmar führt den Abend in ihrer Mediatheks-Chronik, Bootleg-Archive verzeichnen einen Publikumsmitschnitt. Gabriel hatte der Band zu diesem Zeitpunkt intern bereits mitgeteilt, dass er nach der Tournee gehen würde. Öffentlich wurde es im August 1975. Wer in Colmar war, sah den Sänger in seiner letzten Rolle. Ich wusste nichts davon.
Colmar · Parc des Expositions, Halle B · The Lamb Lies Down on Broadway. Konzertdatum: Genesis-Ticketarchiv 1975. Flug, Projektion und Verdoppelung sind persönliche Erinnerung.
Nach dem Kostüm
Nach Genesis verlagerte sich ein Teil des Theaters ins Tonstudio. Die ersten vier Soloalben heissen alle «Peter Gabriel». Das war Absicht und für die Plattenfirmen ein Ärgernis. Gabriel verglich seine Alben mit den Ausgaben einer Zeitschrift: Niemand erwarte vom neuen «Time Magazine» einen neuen Titel, es genüge das Cover und die Nummer. Gebräuchlich wurden die Namen «Car» (1977), «Scratch» (1978), «Melt» (1980) und «Security» (1982). Die ersten drei beziehen sich auf die Hipgnosis-Cover; der vierte kam von der amerikanischen Plattenfirma. Vier Platten, vier Produzenten, jedes Mal ein Wechsel der Methode. Atlantic lehnte das dritte Album für die USA als unverkäuflich ab. In Grossbritannien ging es auf Platz eins. Bei der vierten Platte klebte Geffen ohne grosse Rücksprache den Namen «Security» auf die Hülle, damit die Lager es einordnen konnten. Gabriel liess es geschehen. Er hatte seinen Punkt gemacht. Die Namen blieben an den Platten haften.
«Car»
Gabriel hinter einer regennassen Windschutzscheibe. Ein Befreiungsschlag mit Orchester und «Solsbury Hill», dem Abschied von Genesis als Lied. Ezrin gab dem Album Breite; Gabriel suchte danach das Gegenteil.
«Scratch»
Fingernägel ziehen Spuren durchs eigene Foto. Asketisch, kantig, kalt. Die Platte, die Gabriel-Hörer bis heute am stärksten trennt.
«Melt»
Das Gesicht zerfliesst wie Wachs. Hier liegt die Zäsur: Beckenverbot, Gated-Drum-Sound, «Biko», «Games Without Frontiers». Politische Paranoia in einer Klangsprache, die die Achtzigerjahre vorwegnahm.
«Security»
Ein verzerrtes Videogesicht. Der Fairlight hielt Einzug, mit ihm das Sampling, und afrikanische Rhythmik verschmolz mit westlicher Songform: «The Rhythm of the Heat», «San Jacinto», «Shock the Monkey». Das erste Album, das nach Real World klingt, Jahre bevor es Real World gab.
Vier Häutungen in fünf Jahren, jedes Mal ein anderer Produzent, damit sich keine Routine einnistet. Die Theatralik der Genesis-Jahre wanderte von den Masken in die Produktionsweise.
Das dritte Album markiert den Bruch. Gabriel begann beim Rhythmus: Er programmierte Schlagzeugmuster und baute Melodien und Arrangements darüber, ein Verfahren, das er seither beibehalten hat. Gabriel bat die Schlagzeuger, auf Becken und Hi-Hats zu verzichten. Beim Eröffnungsstück «Intruder» sass Phil Collins am Schlagzeug, und Toningenieur Hugh Padgham verband den stark komprimierten Raumklang mit einem Gate, das ihn abrupt abschnitt. Dieser «Gated Drum Sound» prägte das Stück. Collins nahm ihn mit zu «In the Air Tonight», und die Achtzigerjahre klangen danach.
«So» (1986) zeigt die andere Seite. Produzent Daniel Lanois holte Gabriel aus dem Dunkel. «Sledgehammer» ist eine Verbeugung vor Otis Redding und dem Stax-Sound; Wayne Jackson von den Memphis Horns spielte die Bläser ein. Das Stück wurde in den USA ein Nummer-eins-Hit, das Video mit seinen Knetfiguren gehört zu den meistgespielten der MTV-Geschichte. Die düsteren Klangräume und der Soul gehören beide zu Gabriel; «So» brachte beides vor ein grosses Publikum. «Us» (1992) wendete den Blick dann nach innen: Scheidung, Therapie, Trennung von der Tochter, verarbeitet in Songs wie «Digging in the Dirt» und «Blood of Eden».
- 1977
- Der erste SchrittPeter Gabriel · «Car»
- 1980
- Rhythmus als AusgangspunktPeter Gabriel · «Melt»
- 1986
- Soul und StudioexperimentSo
- 1992
- Innere LandschaftenUs
Ein Ohr lernt hören
Gabriels Diskografie ist ein Verkehrsknoten. Wer ihr folgt, landet bei Produzenten, Gastsängerinnen und Rhythmusgruppen, die eigene Werke haben. Fünf der ersten sechs Namen stehen für gemeinsame Aufnahmen; Otis Redding steht für einen prägenden Einfluss. Die letzten zwei sind Hörverwandtschaften des Autors, keine dokumentierten Verbindungen.
Robert FrippSchärfe · Struktur · Zusammenarbeit
Der King-Crimson-Gitarrist spielte in Gabriels erster Tourband und produzierte 1978 das zweite Album. Er drängte auf wenige Durchläufe und verwarf Ideen nach drei Versuchen. Seine «Frippertronics»-Schleifen prägen «Exposure». Das Album blieb kommerziell hinter dem ersten zurück und ist bis heute Gabriels kantigstes.
Brian EnoStudio · Möglichkeit · Zusammenarbeit
Eno macht das Studio zum Instrument. Auf «i/o» (2023) produzierte er mit Gabriel mehrere Stücke, darunter «Panopticom» und «Road to Joy», und spielte manipulierte Gitarre und Ukulele ein. Zwei Männer, die seit den Siebzigerjahren an denselben Fragen arbeiten. Ihre Verbindung reicht bis zu Enos Klangbearbeitungen auf «The Lamb Lies Down on Broadway» zurück.
Otis ReddingStimme · Dringlichkeit · Einfluss
Gabriel nennt ihn seinen Lieblingssänger. 1967 sah er Redding im Londoner Ram Jam Club. «Sledgehammer» ist die Einlösung dieser Liebe, bis hin zu den Bläsern aus Memphis.
Kate BushFigur · Nähe · Zusammenarbeit
Sie sang 1980 den Kehrreim in «Games Without Frontiers» und 1986 die zweite Stimme in «Don’t Give Up». Dort bleibt sie an der Seite eines Menschen, der den Halt verliert.
Youssou N’DourDialog · Öffnung · Zusammenarbeit
Der Senegalese singt den Schluss von «In Your Eyes» in Wolof. Eine Stimme tritt hinzu und beansprucht ihren eigenen Raum. Später nahm Gabriel mit ihm «Shaking the Tree» auf, ein Lied über die Rechte von Frauen in Afrika.
Laurie AndersonSprache · Technik · Zusammenarbeit
«Excellent Birds» erschien 1984 auf Andersons «Mister Heartbreak». Zwei Jahre später landete das Stück als «This Is the Picture (Excellent Birds)» auf der CD-Fassung von «So». Zwei Rhythmiker der Sprache, die sich im Eigensinn begegnen.
Talk TalkReduktion · Raum · Hörverwandtschaft
Hörverbindung des Autors: Wie viel Spannung entsteht, wenn Musik Platz für Pausen lässt? «Spirit of Eden» (1988) beantwortet die Frage auf seine Weise.
Massive AttackNachhall · Tiefe · Hörverwandtschaft
Eine weitere Hörverwandtschaft: Bass, Atmosphäre und Stimmen, die einen ganzen Raum verändern. Bristol liegt in derselben Region wie Gabriels Studios in Box bei Bath.
Gemeinsame Arbeiten: Peter Gabriel 2, So und Road to Joy. Zu Otis Redding: Gabriels Rückblick bei ABC Nightline.
Der Weltstar als Durchgangsstation
«So» verkaufte sich weltweit millionenfach und machte Gabriel zum Stadionkünstler. Das Album lässt sich auch anders hören: als Platte der Begegnungen. Daniel Lanois produzierte, Tony Levin, David Rhodes und Manu Katché bildeten den Kern der Band. Drei Stücke zeigen, wie unterschiedlich ein Gast einen Song verändern kann.
In Your Eyes
Das Lied beginnt als Liebeslied und öffnet sich im letzten Drittel. Youssou N’Dour übernimmt den Gesang, auf Wolof, in einer Tonlage, die Gabriel nicht hat. Das Stück gewinnt eine zweite Perspektive und einen zweiten Kontinent. Auf der Bühne dauerte die Nummer später bis zu zehn Minuten.
Don’t Give Up
Gabriel schrieb das Lied nach Dorothea Langes Fotografien aus der Weltwirtschaftskrise und unter dem Eindruck der Arbeitslosigkeit im England der Thatcher-Jahre. Er wollte zuerst Dolly Parton als Duettpartnerin. Kate Bush antwortet auf Verzweiflung mit Beharrlichkeit. Trost bekommt eine eigene Stimme.
This Is the Picture (Excellent Birds)
Mit Laurie Anderson wird aus Sprache Rhythmus. Wörter werden zu Schlagzeug, das Bild zum Refrain. Das Stück fehlt auf der ursprünglichen LP und steht auf den damaligen CD- und Kassettenfassungen, als Fussnote am Ende eines Albums, das sonst aus Hits besteht.
Mitwirkende und Entstehung: offizielle Albumseite zu «So». Die Hörnotizen sind Einordnung des Autors.
Die Richtung des Blicks
Mit dem dritten Album änderte sich auch das Personal der Songs. Vorher sangen Gabriels Figuren über sich selbst, über Träume, Zimmer und Familienfotos. Ab 1980 bekamen sie Namen aus der Zeitung.
«Biko» ist das Beispiel. Steve Biko, Anführer der Black-Consciousness-Bewegung, starb 1977 in südafrikanischem Polizeigewahrsam. Gabriel gab dem Namen musikalisches Gewicht: Surdo-Trommeln, Dudelsäcke, ein Chor, der sich am Ende vom Sänger löst und das Lied allein zu Ende trägt. Das Stück wurde zur Hymne der Anti-Apartheid-Bewegung. Gabriel hat später beschrieben, wie «Biko» ihn selbst zu Amnesty International und zum Engagement für Menschenrechte führte. Ein Lied kann auch seinen Autor verändern.
Die Spur setzt sich fort. «Wallflower» (1982) richtet den Blick auf politische Gefangene, ohne Ort und Land zu nennen, damit jeder Ort und jedes Land gemeint sein kann. «Games Without Frontiers» (1980) macht aus dem Spiel ohne Grenzen eine Parabel auf Politik als Sandkasten. «Don’t Give Up» (1986) lässt neben der Verzweiflung eine zweite Stimme bestehen. «I Grieve» und «Darkness» auf «Up» (2002) wenden den Blick zurück ins Innere: Trauer, Angst, das Kind im Erwachsenen. Der Weg von der Schlagzeile zurück zur eigenen Person ist bei Gabriel eine Rundreise.
- Menschenrechte
- Biko
- Gefangenschaft
- Wallflower
- Machtspiele
- Games Without Frontiers
- Verlust
- I Grieve
- Angst
- Darkness
- Solidarität
- Don’t Give Up
Die Welt ist kein Klangarchiv
Das erste WOMAD-Festival fand 1982 in Shepton Mallet statt. Es war künstlerisch ein Erfolg und finanziell ein Desaster. Gabriel erhielt Morddrohungen von Gläubigern. Genesis spielten im Oktober 1982 in Milton Keynes ein einmaliges Reunion-Konzert unter dem Titel «Six of the Best», um die Schulden zu decken. So beginnt die Geschichte des Labels, das sieben Jahre später aus WOMAD hervorging.
Real World Records entstand 1989 aus der Zusammenarbeit von WOMAD und Peter Gabriel. Das Label sollte Musikern Aufnahmebedingungen und ein Publikum über ihre Herkunftsregion hinaus eröffnen. Nusrat Fateh Ali Khan, die Musiker aus Pakistan, Guinea, Madagaskar, Armenien: Sie kamen nach Box bei Bath, nahmen in den Real World Studios auf, und ihre Platten standen im selben Regal wie Gabriels eigene.
Dieses Regal hat einen Haken. Unter dem Etikett «Weltmusik» landet leicht alles, was im westlichen Plattenladen kein eigenes Fach hat. Der Begriff wurde 1987 in einem Londoner Pub als Marketingkategorie beschlossen. Die Unterschiede zwischen einem Qawwali-Sänger aus Lahore und einem Kora-Spieler aus Bamako verschwinden darin schneller als die Grenzen. Real World bewegt sich in diesem Widerspruch und hat zugleich einen Ausweg gezeigt: Die Namen der anderen stehen auf den Covern, ihre Musik wird ganz veröffentlicht, ohne Gabriel als Türsteher.
Ob das funktioniert, entscheidet sich beim Hörer. Massstab ist, ob eine Begegnung zum Weiterhören führt.
Notiz am Rand
Wenn ich nach dem Gabriel-Album eine Platte von Youssou N’Dour auflege, hat sich mein Horizont tatsächlich erweitert. Die Namen der anderen gehören mit auf die Reise.
Gründung und Selbstverständnis: Real World Records.
Die Bühne denkt mit
Bei Peter Gabriel greift die Bühne in den Song ein: als Raum, Maschine und Mitspieler. Vier Stationen zeigen, wie sich das Verfahren über fünfundvierzig Jahre entwickelt hat.
Basel · 16. Dezember 1978
Licht im Publikum
Die Tournee zum zweiten Album führte Gabriel mit Tony Levin, Larry Fast, Jerry Marotta und Sid McGinnis im Dezember 1978 durch Deutschland und in die Schweiz. Fan-Archive verzeichnen den Auftritt im Kongresssaal der Mustermesse Basel, tags darauf Genf. Das Konzert begann in dieser Phase ohne Bühne: Die Musiker traten im Saal auf.
Notiz am Rand
In meiner Erinnerung tauchten die Musiker mit Suchscheinwerfern im Publikum auf. Sie suchten einander im Dunkeln, fanden den Rhythmus und schliesslich die Bühne. Die Suche war bereits Teil der Musik.
Secret World · 1993/94
Telefon, Laufband, Koffer
Für die Tournee zu «Us» holte Gabriel den Theaterregisseur Robert Lepage. Zwei Bühnen, eine eckige und eine runde, waren durch ein Laufband verbunden: Männerwelt und Frauenwelt, Kopf und Bauch. Bei «Come Talk to Me» spannte sich ein Telefonkabel durch den Raum, während Gabriel aus einer Telefonzelle sang. Am Ende, bei «Secret World», stiegen die Musiker nacheinander in einen Koffer und verschwanden. Der Song hatte einen Raum bekommen, in dem er handeln konnte.
Growing Up · 2002/03
Die Schwerkraft verliert
Lepage baute diesmal eine Rundbühne mitten im Publikum, darüber ein rotierender Technikring mit Leinwänden und Scheinwerfern, der sich senken und heben liess. Bei «Growing Up» stieg Gabriel in eine transparente Kugel und rollte über die Bühne. Bei «Downside Up» hingen er und seine Tochter Melanie an Gurten kopfüber vom Ring und sangen. Bei «Solsbury Hill» fuhr er mit dem Fahrrad Runden auf dem Steg. Für einen Abend bekam die Welt eine andere Richtung.
Bildwelt von i/o · 2023
Ein Finger gegen die Macht
Jeder Song von «i/o» erschien mit dem Werk einer Künstlerin oder eines Künstlers. Zu «Road to Joy» gehört Ai Weiweis «Middle Finger in Pink», eine Variante seiner Serie «Study of Perspective». Ai wusste zunächst nicht, wer Gabriel ist. Gabriel verband die Protestgeste mit der Geschichte eines Menschen, der aus dem Koma ins Leben zurückkehrt und dem Tod den Mittelfinger zeigt.
Robert Lepage gab den Songs Räume, in denen sie handeln konnten. Der Theatermacher aus Québec baute ihm zwei Tourneen wie fünfaktige Stücke: «Secret World» mit zwei Bühnen, einer eckigen für den Kopf und einer runden für den Bauch, und einem Laufband dazwischen; «Growing Up» als Zirkusrund, in dem das Publikum sieht, was es sonst hinter der Bühne gibt: den Mechanismus. Rockshows sind meist Abfolgen, Song, Licht, Song. Lepage dachte den Abend als Stück mit Exposition, Wendepunkt und Abgang. Gabriels Songs hatten sich das seit «The Lamb» gewünscht.
Selbst gesehen
Ich habe Peter Gabriel in Paris, Lausanne, Berlin, Stuttgart, Zürich und Basel gesehen – in Zürich dreimal, in Basel zweimal.
Belege: Konzertarchiv 1978, Secret World Live, Growing Up Live und Road to Joy. Die Suchscheinwerfer-Szene ist persönliche Erinnerung.
Der Musiker baut Infrastruktur
Ein Konzert endet. Ein Festival, ein Studio oder eine Organisation kann über den Abend hinaus etwas ermöglichen. Neben Gabriels Alben ist ein Netz von Festivals, Studios und Organisationen entstanden. Die Unterschiede sind wichtig: WOMAD und Real World hat er mitgegründet. WITNESS entstand mit Partnern. An «Human Rights Now!» wirkte er als Künstler mit. Alle vier gehen über eine politische Ansage zwischen zwei Songs hinaus.
WOMAD
World of Music, Arts and Dance, 1980 gegründet, erstes Festival 1982. Heute finden WOMAD-Festivals auf mehreren Kontinenten statt. Ein Ort der Begegnung zwischen Musikern und Publikum, an dem der Headliner aus Pakistan kommen kann.
Real World
Die Studios in Box bei Bath öffneten 1987, das Label folgte 1989. Arbeitsräume und Wege zu einem internationalen Publikum. Gabriels «Passion» gehörte 1989 zu den ersten Veröffentlichungen des Labels.
Human Rights Now!
1988 tourte Amnesty International mit Gabriel, Sting, Bruce Springsteen, Tracy Chapman und Youssou N’Dour durch fünf Kontinente, zum vierzigsten Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Zwanzig Konzerte, darunter in Neu-Delhi, Harare und Buenos Aires.
WITNESS
1992 mitgegründet, nach dem Video, das die Misshandlung von Rodney King durch die Polizei von Los Angeles festhielt. Die Organisation stattet Menschen mit Kameras aus und schult sie, Menschenrechtsverletzungen so zu dokumentieren, dass die Aufnahmen vor Gericht bestehen.
Dazu kommen die Elders, die Gabriel 2007 mit Richard Branson anregte und die Nelson Mandela gründete, sowie frühe Versuche mit digitalem Musikvertrieb, lange bevor die Branche das Wort «Streaming» benutzte.
Die späte Zeit
«i/o» (2023) war Gabriels erstes Album mit neuen Songs seit «Up» (2002). Er veröffentlichte es über ein Jahr hinweg: bei jedem Vollmond ein Stück, bei jedem Neumond eine zweite Mischung. Mark «Spike» Stent lieferte den «Bright-Side Mix», Tchad Blake den «Dark-Side Mix». Jeder Song erschien mit einem eigenen Kunstwerk.
Das Verfahren geht weiter. Am 3. Januar 2026, zum Wolfsmond, begann Gabriel mit «Been Undone» die Veröffentlichung von «o\i». Bis zum kalten Mond im Dezember soll die Platte vollständig sein. Bis Ende August waren neun Titel erschienen, darunter «Put the Bucket Down», «What Lies Ahead» und «Looking for the Happy». Das Material stammt aus drei Jahrzehnten: Neben Aufnahmen von 2024 und 2025 gehören Stücke aus den Sessions zu «Us», «Up» und «i/o» dazu. «A Hard Lesson» geht auf die Zeit um 1990 zurück.
Gabriel beschäftigt sich dabei mit dem Gehirn, mit Wahrnehmung und mit dem, was er drei Wellen nennt: Künstliche Intelligenz, Quantencomputer und die Schnittstelle zwischen Hirn und Maschine. Künstler, sagt er, hätten die Aufgabe, in den Nebel zu schauen und einen Spiegel hochzuhalten, wenn sie etwas erkennen. Was daraus musikalisch entsteht, lässt sich Song für Song verfolgen.
Das Verfahren ist auch Marketing. Ein Album, das zwölf Monate lang Schlagzeilen liefert, verkauft sich anders als eines, das an einem Freitag erscheint.
Notiz am Rand
Mir gefällt daran die Zeit, die eine einzelne Aufnahme bekommt.
Stand: 22. September 2026. Ankündigung und Veröffentlichungsplan zu «o\i» · Neunter Song: «Looking for the Happy».
Coda · Was bleibt
Peter Gabriel veränderte, was ich hörte. Und er veränderte die Richtung meines Blicks.
Zum Vertiefen
Fünfzig Mitwirkende
Ein Verzeichnis, kein Ranking. Wer hier steht, hat den Klang verändert, manchmal mit einem einzigen Takt.
Schlagzeug und Perkussion
- Manu Katchéseit «So» der Drummer, dessen federnder Stil die Alben trägt
- Jerry MarottaAlben 2 bis 4, der beckenlose Tom-Groove
- Phil Collins«Intruder», Mitentdecker des Gated-Drum-Sounds
- Simon Phillipsneue Schlagzeugspur für den späteren Remix von «I Have the Touch»
- Allan Schwartzbergdas Schlagzeug auf «Solsbury Hill», Tournee 1977
- Steve Gadd«Up»
- Stewart Copelanddie Hi-Hat auf «Red Rain», «Across the River»
- Ged Lynch«Up», Live-Drummer der Growing-Up-Jahre
- Hossam Ramzyarabische Ensembles auf «Passion» und «Us»
- Babacar FayeSabar, Secret-World-Tournee
- Assane ThiamTama, «So» und «Us»
- Morris PertTimbales, Alben 3 und 4
- Dominic Greensmith«Up»
Saiten und Kernband
- Tony Levinseit 1976 Bass, Stick, «Funk Fingers», der Eckpfeiler
- David Rhodesseit 1979 der Gitarrist, Klanggestalter, kein Solist
- Robert FrippProduzent von Album 2, «White Shadow»
- Steve HunterAkustikgitarre auf «Solsbury Hill»
- John EllisGitarre, Alben 3 und 4
- Daniel Lanois«Birdy», «So», «Us»
- L. ShankarDoppelvioline, «Across the River», «Passion»
- Ayanna Witter-JohnsonCello, i/o-Tournee
- Marina MooreVioline, i/o-Tournee
- Richard EvansAkustikgitarre, Flöten, «Up»
Tasten und Elektronik
- Larry FastSynthesizer der ersten vier Alben
- David SanciousUs- und Secret-World-Ära
- Brian Eno«The Lamb», Co-Produktion «i/o»
- Richard Teedas Gospel-Piano auf «In Your Eyes»
- Bayeté / Todd CochranTasten, erste Tournee 1977
- David LordCo-Produzent Album 4
- Rachel ZGrowing-Up-Tournee
- Angie PollockStill-Growing-Up-Tournee
- Don-EBass-Keys auf «Road to Joy», i/o-Tournee
Stimmen und Duette
- Kate Bush«Games Without Frontiers», «Don’t Give Up»
- Ane BrunNew-Blood-Tournee
- Sinéad O’Connor«Blood of Eden», «Come Talk to Me»
- Paula ColeSecret-World-Tournee
- Youssou N’Dour«In Your Eyes», «Shaking the Tree»
- Nusrat Fateh Ali Khan«Passion», «Signal to Noise»
- Elizabeth Fraser«Downside Up», «OVO»
- Peter HammillChor auf «Shock the Monkey», «I Have the Touch»
- Laurie Anderson«Excellent Birds»
- Melanie GabrielTochter, Chor und Duett seit Growing Up
- Papa WembaGast der Secret-World-Tournee
- Baaba Maal«Passion», WOMAD
- The Blind Boys of Alabama«Sky Blue»
- P. P. ArnoldChor auf «Sledgehammer», «Big Time»
Bläser und Arrangement
- Wayne Jackson, Memphis Hornsdie Bläser auf «Sledgehammer»
- Mark RiveraSaxofon, «Sledgehammer», «Big Time»
- John MetcalfeArrangeur von «Scratch My Back», «New Blood», Streicher auf «i/o»
- Richard «Dickie» ChappellProgrammierer und Toningenieur der Real World Studios
Quellen und offene Belege
Künstler- und Organisationsseiten dokumentieren Werkangaben. Konzertarchive dienen zur zeitlichen Einordnung. Persönliche Erinnerungen und Hörurteile bleiben als solche erkennbar.
Werk, Aufnahmen und Bühne
- Colmar, 28. Februar 1975: Genesis Museum · Konzertkarten 1975.
- Basel, 16. Dezember 1978: Genesis Movement · Tournee 1978.
- Robert Fripp und das zweite Soloalbum: Peter Gabriel 2.
- Rhythmus, Intruder, Biko und die Produktion: Peter Gabriel 3.
- Gabriels Bitte um den Verzicht auf Becken: The Quietus · Interview vom 19. September 2011.
- Das vierte Soloalbum und Malcolm Poynters Coverarbeit: Peter Gabriel 4.
- Die deutschsprachige Aufnahme mit Horst Königstein: Ein deutsches Album.
- Gäste und Entstehung von So: Offizielle Albumseite.
- Otis Redding im Ram Jam Club, 1967: Gabriel im Interview mit ABC Nightline.
- Simon Phillips und die neue Schlagzeugspur im Remix: Genesis-Fanclub · Flotsam And Jetsam.
- Bühnenkonzept mit Robert Lepage: Secret World Live.
- Die Rundbühne und Growing Up: Growing Up Live.
- Brian Eno und Ai Weiwei: Road to Joy.
- Gründung und Selbstverständnis des Labels, 1989: Real World Records.
- Passion als erste Labelveröffentlichung: Real World Records · Passion.
- Start und Veröffentlichungsrhythmus von o\i: Offizielle Albumankündigung.
- Der neunte Song vom 28. August 2026: Looking for the Happy.
Persönliche Erinnerung und offene Belege
- Der Zeitungsausschnitt vom 31. Januar 1981 liegt dieser Fassung nicht als Scan vor. Datierung und Wortlaut der beiden Zitate müssen noch mit dem Original abgeglichen werden.
- Die Bühnenszenen in Colmar 1975 und der Einzug mit Suchscheinwerfern in Basel 1978 sind persönliche Erinnerungen. Die Konzertarchive belegen die Termine.
- Talk Talk und Massive Attack sind Hörverwandtschaften des Autors, keine behaupteten gemeinsamen Aufnahmen mit Gabriel.
Weiterhören und weiterlesen
Offiziell
- Peter GabrielVeröffentlichungen, Hintergrundtexte und Vollmond-Nachrichten.
- Peter Gabriel auf BandcampAlben, verschiedene Mischungen und Veröffentlichungen für Abonnenten.
- Real World RecordsMusiker, Aufnahmen und Geschichten des Labels.
- Real World StudiosDie Studios in Box bei Bath.
- WOMADWorld of Music, Arts and Dance.
- WITNESSVideo und Menschenrechte.
- The EldersUnabhängige Persönlichkeiten für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechte.
Archive
- The Genesis ArchivePresseausschnitte, Karten, Plakate und Programme.
- Genesis MovementKonzertdaten, Besetzungen und Setlists.
- Setlist.fmSetlists und Konzertberichte aus der Community.
- DiscogsPressungen, B-Seiten, Remaster und Credits.
- Internet ArchiveHistorisches Material; auch zu den Multimedia-Projekten «Xplora1» und «EVE».
Community
- Deutscher Genesis-Fanclub «it»Rezensionen, Hintergründe und Forum.
- Genesis NewsEnglischsprachige Seite des Fanclubs, Werkgeschichten und Recording Compendium.
- PG100Persönliches Konzerttagebuch: auf dem Weg zu hundert Gabriel-Konzerten.
