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Stanley Kubrick

Stanley Kubrick

ralu.ch / Film

Film · Bild · Musik · Obsession

A Young Person’s Guide to
Stanley Kubrick

Wie man Kubrick erkennt, bevor sein Name im Abspann steht.

Stanley Kubrick drehte nur dreizehn Spielfilme. Kriegsfilme, Science-Fiction, Horror, Satire, Historienfilm, Film noir und ein rätselhaftes letztes Werk über Begehren, Eifersucht und Masken.

Sie sehen vollkommen unterschiedlich aus. Und trotzdem braucht es manchmal nur wenige Sekunden, um Kubrick zu erkennen. Diese Seite handelt deshalb weniger davon, was er filmte, als davon, wie er Kino machte.

13 Filme genügten

Stanley Kubrick wurde 1928 in New York geboren. Bevor er Filme drehte, fotografierte er für das Magazin Look. Bereits dort lernte er, mit Licht, Perspektive, Gesichtern und kleinen visuellen Geschichten zu arbeiten.

Später wechselte er fast bei jedem grossen Film das Genre. Paths of Glory ist ein Kriegsfilm, Dr. Strangelove eine schwarze Komödie, 2001 Science-Fiction, Barry Lyndon ein Historienfilm, The Shining Horror.

Trotzdem gibt es eine erstaunliche Kontinuität: dieselben Fragen, ähnliche Räume, bestimmte Blicke, wiederkehrende geometrische Ordnungen und eine geradezu obsessive Beschäftigung mit Kontrolle.

Kubrick hatte kein Genre. Er hatte ein Vokabular.

Genau dieses Vokabular ist der Ausgangspunkt dieser Seite – und für mich persönlich mit einer unvergesslichen Begegnung verbunden:

Fundstück · 29. September 1987


Brief von Stanley Kubrick an Rainer Luginbühl, 29. September 1987
Originalbrief von Stanley Kubrick an Radio Basilisk (Postfach am Fischmarkt, Basel) zur Veröffentlichung von «Full Metal Jacket».

1987 passierte etwas, das ich bis heute kaum glauben kann: Plötzlich lag ein Brief von ihm auf meinem Tisch.

Ich hatte zuvor im Gespräch mit einer Managerin einer Plattenfirma nur beiläufig erwähnt, wie sehr ich seine Filme bewundere. Mehr nicht. Und kurze Zeit später hielt ich tatsächlich dieses Schreiben in den Händen – mit persönlichen Zeilen zur Single-Auskopplung des Soundtracks zu Full Metal Jacket und seiner Unterschrift.

Die vielen Löcher im Papier erzählen ihre eigene Geschichte. Jahrelang hing der Brief an meiner Pinnwand und begleitete mich durch meinen Alltag. Nach einem Wasserschaden verschwand er schliesslich zusammen mit meinem Büro in Kisten im Keller. Fast vergessen, aber nie ganz verloren.

Manche Erinnerungen brauchen einfach den richtigen Moment, um wieder aufzutauchen. Dieser Brief ist bis heute ein ganz wesentlicher Teil meiner Motivation, mich immer wieder intensiv mit Kubrick und seinem Werk zu befassen.

Weitersehen · Früher Kubrick

Mehr als 120 Fotografien aus Kubricks Zeit bei Look: New York, Nachtclubs, Strassen, Sport und Menschen. Hier sieht man den Filmemacher, bevor er Filme machte.

Through a Different Lens · Museum of the City of New York ↗

Kubrick sehen

Kubricks Filme erzählen nicht nur durch Dialog und Handlung. Räume, Blickachsen, Bewegungen und geometrische Formen übernehmen selbst einen Teil der Erzählung. Zusammenstellung seiner Best Shots.

Die Mitte

Kubricks Zentralperspektive ist zu einem seiner bekanntesten visuellen Kennzeichen geworden: Korridore, Räume und Menschen richten sich auf einen zentralen Fluchtpunkt aus.

Das Bild wirkt vollkommen geordnet. Gerade diese Ordnung kann bedrohlich werden. In 2001, The Shining und Full Metal Jacket scheint der Raum die Figuren beinahe festzuhalten. Zentralperspektive ↗

Symmetrie

Links und rechts gleichen sich. Türen, Möbel, Menschen und Architektur werden um eine Mittelachse organisiert. Kubrick schafft Ordnung – oft genau dort, wo seine Geschichten beginnen, ausser Kontrolle zu geraten. Symmetrie ↗

Der Kubrick Stare

Der Kopf leicht gesenkt, die Augen nach oben gerichtet, der Blick frontal in die Kamera oder knapp daran vorbei: Alex in A Clockwork Orange, Jack Torrance in The Shining, Private Pyle in Full Metal Jacket. Der inzwischen berühmte «Kubrick Stare» markiert häufig einen Moment, in dem hinter dem menschlichen Gesicht etwas Bedrohliches sichtbar wird. Stare ↗

Korridore

Danny fährt durch das Overlook Hotel. Astronauten bewegen sich durch die Discovery. Soldaten marschieren durch Kasernen. Bill Harford wandert nachts durch ein künstliches New York. Kubricks Figuren bewegen sich auffallend oft durch Räume, deren Ordnung mächtiger wirkt als die Menschen darin. Ein Überblick zum Werk ↗

Spiegel und Doppelungen

Spiegel, Paare, symmetrische Figuren und wiederkehrende Situationen durchziehen seine Filme. Besonders The Shining und Eyes Wide Shut spielen ständig damit, dass etwas noch einmal erscheint – ähnlich, aber nicht mehr gleich. Spiegel und Doppelgänger in Shining ↗

Badezimmer

Ausgerechnet der privateste Raum des Hauses wird bei Kubrick auffällig häufig zum Ort von Gewalt, Demütigung, Enthüllung oder Kontrollverlust.

Die rote Toilette im Overlook Hotel, Private Pyle in Full Metal Jacket, das Badezimmer in Eyes Wide Shut: Das Motiv ist so auffällig, dass es längst Gegenstand filmwissenschaftlicher Untersuchungen geworden ist. Badezimmer ↗

Schach

Kubrick war ein ernsthafter Schachspieler. In 2001 spielt HAL gegen Frank Poole. Die Versuchung liegt nahe, deshalb Kubricks ganze Inszenierung als Schachspiel zu deuten.

Besonders gelungen: In Lolita tritt dieses Motiv mit besonderer Schärfe hervor, da Kubricks eigene Leidenschaft hier auf die Vorlage von Vladimir Nabokov traf, der selbst ein passionierter Komponist von Schachaufgaben war. Das Spiel auf den 64 Feldern wird im Film zum Spiegelbild des psychologischen Kräftemessens zwischen Humbert Humbert und seinem Schatten Clare Quilty.

Die Figuren auf dem Brett verbildlichen die wechselnden Machtverhältnisse, das Taktieren und die versuchte Kontrolle über das Geschehen. Humberts obsessives Vorgehen gleicht einer von Beginn an kompromittierten Strategie, bei der jeder Zug unausweichlich auf das eigene Matt zusteuert – eine Vorahnung, die Kubrick bereits im chaotischen Endspiel der Eröffnungsszene visuell besiegelt. Eine besonders subtile Anspielung: «You’re going to take my queen Lolita» ↗

Weitersehen · Bildgeometrie

Vier Minuten, die zeigen, wie konsequent Kubrick Korridore, Räume und Figuren auf einen zentralen Fluchtpunkt ausrichtet.

Kubrick // One-Point Perspective · kogonada ↗

Analyse 1 · Visueller Stil & Geometrie

Auf YouTube öffnen ↗

Analyse 2 · Leben, Werk & Arbeitsweise

A Life in Pictures · Warner Bros. ↗

Kubrick schneiden

Einer der berühmtesten Schnitte der Filmgeschichte dauert einen Augenblick und überspringt Millionen Jahre.

Knochen
Werkzeug · Waffe
→
Weltraum
Technologie

Am Ende von «The Dawn of Man» in 2001 schleudert ein Vormensch einen Knochen in die Luft. Schnitt. Im Weltraum erscheint ein technologisches Objekt.

Der Schnitt verbindet nicht bloss zwei ähnlich geformte Dinge. Er komprimiert einen gewaltigen Teil der Menschheitsgeschichte: vom ersten Werkzeug zur Hochtechnologie.

Kubrick erklärt den Gedanken nicht. Er zeigt ihn:

Auch ganze Filme konstruiert er auf diese Weise. Full Metal Jacket zerfällt demonstrativ in zwei Teile: zuerst wird aus einem Menschen ein Soldat gemacht, danach sehen wir, was diese Maschine hervorbringt.

Weiterlesen · 2001 und der Sprung durch die Zeit

Dan Chiassons Essay verbindet Entstehung, Form, Tempo, Technik und die radikale Zeitstruktur von 2001.

«2001: A Space Odyssey»: What It Means, and How It Was Made · The New Yorker ↗

Kubrick baut Labyrinthe

In The Shining steht das Labyrinth im Garten. Aber das eigentliche Labyrinth ist das Hotel. Korridore führen durch eine Architektur, die sich beim genaueren Hinsehen nicht immer logisch zusammensetzen lässt. Räume scheinen nicht dort zu liegen, wo sie liegen müssten.

In Eyes Wide Shut wird das Labyrinth abstrakter: Bill Harford geht nachts immer tiefer in eine Welt hinein, deren Regeln er nicht versteht.

Alice
↓
nächtlicher Aufbruch
↓
Domino
↓
Milich und der Kostümladen
↓
SOMERTON
↓
Rückkehr
↓
dieselben Orte
↓
veränderte Bedeutungen
↓
Alice

Man kann diese Konstruktion als Spirale lesen: hinein bis zu einem innersten Punkt und danach wieder hinaus. Viele Stationen der nächtlichen Reise erscheinen erneut, nun aber unter veränderten Vorzeichen, quasi rückwärts aus der Spirale.

Wichtig ist die Einschränkung: Die Doppelungs- und Rückkehrstruktur ist im Film sichtbar. Die «Spirale» ist eine Interpretation dieser Konstruktion, keine bekannte Regieanweisung Kubricks.

Weiterlesen · Die Spiegelstruktur

Tim Kreiders detaillierte Studie über die labyrinthische Nachtreise in Eyes Wide Shut und die Wiederholung der Schauplätze unter veränderten Vorzeichen.

Introducing the Dream: Eyes Wide Shut · Film Quarterly (UC Press) ↗

Kubrick hören

Man kann Kubrick auch mit geschlossenen Augen erkennen.

Musik illustriert bei ihm nicht einfach das Bild. Sie kann es vergrössern, ihm widersprechen, es ironisieren oder ihm eine Bedeutung geben, die vorher nicht da war.

2001: A Space Odyssey
Richard Strauss, Johann Strauss und György Ligeti: Evolution, Weltraum und Technologie werden zu Choreografie, Walzer und metaphysischer Fremdheit.
A Clockwork Orange
Beethoven gehört zu Alex‘ Selbstbild. Wendy Carlos verwandelt klassische Musik elektronisch. Und «Singin’ in the Rain» kollidiert brutal mit dem, was wir sehen.
Barry Lyndon
Händel, Schubert und traditionelle Musik geben der historischen Welt Würde, Melancholie und eine fast unerbittliche Ordnung.
The Shining
Bartók, Ligeti und Penderecki lassen die Bedrohung hörbar werden, bevor das Bild sie erklären kann.
Eyes Wide Shut
Schostakowitsch, Jocelyn Pook und Ligeti. Manchmal reichen wenige wiederholte Klaviertöne, um aus einem Raum einen gefährlichen Ort zu machen.

Weiterhören · Aus dem Archiv

Das Kubrick Archive der University of the Arts London enthält ein Oral-History-Projekt mit Kubricks Familie, Freunden und Mitarbeitern. Mehrere Beiträge widmen sich ausdrücklich seiner Auswahl und Verwendung von Musik.

Oral History & Stanley Kubrick Archive · UAL ↗

Kontrolle

Hinter den wiederkehrenden Bildern steckt möglicherweise eine noch grössere Konstante: Menschen geraten bei Kubrick immer wieder in Systeme, die sie kontrollieren wollen:

Das Militär in Paths of Glory und Full Metal Jacket. Der Staat in A Clockwork Orange. Klasse und gesellschaftliche Ordnung in Barry Lyndon. Technologie in 2001. Ehe, Begehren und gesellschaftliche Macht in Eyes Wide Shut.

HAL 9000 ist dabei nur die offensichtlichste Maschine. Das Bootcamp in Full Metal Jacket funktioniert ebenfalls wie eine Maschine: Namen verschwinden, Individualität wird abgebaut, Menschen werden neu programmiert.

Alex wiederum soll in A Clockwork Orange mit technischer Hilfe unfähig gemacht werden, Gewalt auszuüben.

Kubrick fragt immer wieder:
Was bleibt vom Menschen, wenn ein System sein Verhalten vollständig kontrollieren will?

Weiterlesen · Kubrick aus der Nähe

Jeremy Bernsteins grosses New Yorker-Porträt entstand während der Arbeit an 2001. Es zeigt Kubricks intellektuelle Neugier, seine Schachleidenschaft und seine Arbeitsweise jenseits der späteren Legenden.

How About a Little Game? · Jeremy Bernstein, The New Yorker ↗

Wie er das gemacht hat

Kubrick interessierte sich obsessiv für Filmtechnik. Interessant wird das aber erst dort, wo die Technik das Bild verändert.

2001

Eine Welt bauen, die es noch nicht gab

Für 2001 wurden Modelle, optische Effekte und Front Projection so eingesetzt, dass die Zukunft nicht wie eine Kulisse, sondern wie eine tatsächlich existierende Welt wirkte.

Barry Lyndon

Licht wie im 18. Jahrhundert

Für die berühmten Kerzenlichtszenen wurden extrem lichtstarke Zeiss-Objektive mit einer maximalen Öffnung von f/0.7 für Kubricks Filmkamera umgebaut.

Das Entscheidende ist nicht die technische Kuriosität. Das Ergebnis sieht tatsächlich anders aus: Gesichter scheinen aus dem Kerzenlicht selbst hervorzutreten.

Werkstattbericht · Barry Lyndon

Cinema-Products-Präsident Ed DiGiulio erklärt, wie die extrem lichtstarken Zeiss-Objektive adaptiert wurden. Die Objektive stammten aus einer für das NASA-Apollo-Programm gefertigten Serie.

Two Special Lenses for Barry Lyndon · American Cinematographer ↗

The Shining

Die Kamera bekommt einen Körper

Garrett Browns Steadicam erlaubte es, Danny tief über dem Boden durch die Korridore des Overlook zu verfolgen. Die Kamera läuft nicht einfach hinter ihm her. Sie scheint selbst durch das Hotel zu schweben.

Was danach anders aussah

Kubricks Einfluss besteht nicht darin, dass spätere Regisseure seine Bilder einfach kopierten. Er zeigte, wie weit populäres Kino formal gehen kann, ohne aufzuhören, grosses Kino zu sein.

Besonders 2001 wurde zum Referenzpunkt für Generationen von Filmemachern. Science-Fiction musste danach nicht mehr nach billigem Abenteuer aussehen. Sie konnte monumental, langsam, rätselhaft und philosophisch sein.

Steven Spielberg, Martin Scorsese, Christopher Nolan und andere bedeutende Regisseure haben Kubricks Bedeutung für ihr eigenes Verständnis von Kino hervorgehoben.

Bei David Fincher, Denis Villeneuve, Jonathan Glazer oder Yorgos Lanthimos lassen sich ebenfalls formale Verwandtschaften beobachten: kontrollierte Räume, Distanz, Weitwinkel, geometrische Komposition und Menschen, die in Systemen gefangen sind.

Dabei gilt dieselbe Regel wie bei Kubricks Motiven: Ähnlichkeit ist noch kein Beweis für Einfluss. Wo immer möglich, zählt die direkte Aussage des Filmemachers mehr als unsere Vermutung.

Weiterlesen · Aussagen der Regisseure

Das BFI fasst Kubricks Werk als «master admired by masters» zusammen und nennt unter anderem Scorsese, Spielberg und Nolan als Bewunderer.

Where to begin with Stanley Kubrick · BFI ↗

Der Kubrick-Mythos

Irgendwann wurde aus dem Regisseur selbst eine Kubrick-Figur: der zurückgezogen lebende, obsessiv kontrollierende Perfektionist, der hundert Takes verlangte und sein Anwesen kaum mehr verliess.

Ein Teil davon stimmt. Ein anderer Teil wurde über Jahrzehnte zu einer sehr guten Geschichte.

Gut dokumentiert
Sehr viele Takes. Kubrick liess einzelne Einstellungen tatsächlich ungewöhnlich oft wiederholen.
Komplizierter
Der tyrannische Kontrollfreak. Seine Arbeitsweise war extrem fordernd. Erinnerungen von Mitarbeitern und Schauspielern ergeben jedoch ein widersprüchlicheres Bild als die spätere Legende.
Weitgehend Mythos
Der Einsiedler. Kubrick lebte zurückgezogen in England, war aber keineswegs von der Welt abgeschnitten. Sein Haus war zugleich ein Arbeits- und Produktionszentrum. Sein Nachlass zeigt vor allem etwas anderes: einen Mann, der ungeheure Mengen an Material sammelte, recherchierte, ordnete und aufbewahrte.

Weiterlesen · Der Mann und seine Kisten

Jon Ronson durfte Kubricks legendäres Archiv auf dessen Anwesen durchsuchen. Sein langer Guardian-Text ist zugleich Reportage, Charakterstudie und eine sehr unterhaltsame Korrektur des Einsiedler-Mythos.

Citizen Kubrick · Jon Ronson, The Guardian ↗

Die Filme, die es nicht gibt

Das grosse Phantom

Napoleon

Kubrick bereitete über Jahre einen monumentalen Film über Napoleon Bonaparte vor. Er sammelte biografische Informationen, recherchierte Schlachtfelder, Kostüme und Drehorte und entwickelte ein gewaltiges Produktionsprojekt.

Der Film wurde nie gedreht. Gerade deshalb ist Napoleon beinahe zu einem zweiten Werk geworden: Kubricks berühmtester Film, den niemand gesehen hat.

1990er

Aryan Papers

Kubrick arbeitete intensiv an einer Verfilmung von Louis Begleys Wartime Lies. Das Holocaust-Projekt wurde schliesslich aufgegeben.

Weitergegeben

A.I. Artificial Intelligence

Kubrick entwickelte das Projekt über Jahre. Nach seinem Tod realisierte Steven Spielberg den Film.

Weiterforschen · Die ungefilmten Filme

Das BFI versammelt zehn von Kubricks nicht realisierten Projekten – darunter Napoleon, The Aryan Papers und A.I..

Unmade Kubrick: 10 essential films · BFI ↗

Kubrickiana

Bei einem Regisseur, über den seit Jahrzehnten Legenden erzählt werden, braucht auch die Trivia eine kleine Qualitätskontrolle.

Stimmt
Kubrick spielte ernsthaft Schach. Als junger Mann spielte er unter anderem im Washington Square Park in New York. Schach taucht später auch in seinen Filmen auf.
Stimmt
HAL spielt eine echte Partie. Die Schachpartie zwischen HAL und Frank Poole in 2001 basiert auf einer historischen Partie.
Stimmt – mit Fussnote
Die NASA-Objektive. Die Zeiss-f/0.7-Objektive in Barry Lyndon haben tatsächlich eine Verbindung zum Apollo-Programm. Daraus wurde später eine etwas grössere Legende, als die technische Geschichte rechtfertigt.
Stimmt
Peter Sellers sollte noch mehr spielen. In Dr. Strangelove spielt Sellers drei Rollen. Ursprünglich war noch eine vierte vorgesehen.
Schöne Geschichte – vorsichtig
Slim Pickens und die Komödie. Kubrick wollte seine Darstellung vollkommen ernst. Die populäre Version, Pickens habe gar nicht gewusst, dass er in einer Komödie spiele, ist in dieser Absolutheit mit Vorsicht zu geniessen.
Stimmt
R. Lee Ermey sollte zunächst beraten. Der ehemalige Drill Instructor wurde bei Full Metal Jacket schliesslich selbst zum Gunnery Sergeant Hartman.

Weiterlesen · Schach & Taktik

Eine exakte Rekonstruktion von Kubricks New Yorker Schachtagen und wie die Partien in The Killing und 2001 notationstreu aufgebaut wurden.

Stanley Kubrick and Chess · ChessBase ↗

Zimmer 237

Wer seine Filme derart genau konstruiert, schafft ein Problem: Irgendwann halten Zuschauer alles für Absicht.

Bei The Shining ist daraus eine eigene Interpretationsindustrie entstanden.

Manche Beobachtungen sind faszinierend. Die Architektur des Overlook Hotels weist tatsächlich räumliche Merkwürdigkeiten und Widersprüche auf. Danach wird es wilder.

Willkommen im Rabbithole

Kubrick habe mit The Shining gestanden, die Mondlandung inszeniert zu haben. Dannys Apollo-Pullover sei ein Hinweis. Zimmer 237 werde zum Code. Andere entdecken Holocaust-Botschaften, Minotauren und geheime Zeichen in scheinbar nebensächlichen Requisiten. Das Interessante daran ist weniger, ob diese Theorien stimmen. Sie zeigen, was passiert, wenn ein extrem detailbewusster Künstler auf unseren ebenso detailhungrigen Mustererkennungsapparat trifft.

Bei Kubrick ist wenig beliebig.
Daraus folgt nicht, dass alles eine Botschaft ist.

Weiterlesen · Architektur vs. Wahn

Rob Ager rekonstruiert räumliche Widersprüche des Overlook Hotels. Die Grundrissprobleme sind sichtbar; die These einer bewussten Desorientierung bleibt Interpretation.

The Spatial Anomalies of the Overlook Hotel · Rob Ager ↗

Die 13 Filme

Erst jetzt die Filmografie. Denn nach den vorangegangenen Kapiteln über Geometrie, Schnitt und Obsession sieht man diese dreizehn Meilensteine vielleicht mit anderen Augen. Jedes Werk erschliesst eine ganz eigene Facette seines Vokabulars:

1953
Kriegsfilm / Debüt

Fear and Desire

Das experimentelle, später von Kubrick selbst skeptisch beurteilte Frühwerk über vier Soldaten hinter feindlichen Linien.

La Biennale ↗

1955
Film Noir

Killer’s Kiss

Auf den nächtlichen Strassen von New York gedrehter Noir, der Kubricks Wurzeln als Reportagefotograf bei Look spürbar macht.

Criterion ↗

1956
Heist / Thriller

The Killing

Ein brillanter Raubüberfall auf eine Pferderennbahn, erzählt in einer revolutionär verschachtelten, nichtlinearen Zeitstruktur.

Criterion ↗

1957
Antikriegsdrama

Paths of Glory

Unerbittliche Studie über militärische Hierarchien, Feigheit und Klassenjustiz in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs.

Criterion ↗

1960
Historienepos

Spartacus

Monumentales Hollywood-Epos mit Kirk Douglas – Kubricks einzige grosse Regiearbeit, bei der er nicht die absolute Endkontrolle besass.

Criterion ↗

1962
Satire / Drama

Lolita

Das psychologische Schachduell zwischen Obsession und Manipulation nach Vladimir Nabokovs Skandalroman.

Criterion ↗

1964
Schwarze Komödie

Dr. Strangelove

Die ultimative Farce über nuklearen Wahnwitz und militärische Paranoia im War Room mit Peter Sellers in drei Rollen.

Criterion ↗

1968
Science-Fiction

2001: A Space Odyssey

Menschheitsgeschichte, künstliche Intelligenz und kosmische Transzendenz in vollendeter filmischer Bildsprache.

Criterion ↗

1971
Dystopie

A Clockwork Orange

Provokante Meditation über freie Entscheidung versus staatliche Konditionierung in einer hypergewalttätigen Zukunft.

Criterion ↗

1975
Historienfilm

Barry Lyndon

Aufstieg und Fall eines irischen Abenteurers, gefilmt bei natürlichem Kerzenlicht mit modifizierten NASA-Objektiven.

Criterion ↗

1980
Psychologischer Horror

The Shining

Der schleichende Zerfall einer Familie in den endlosen Korridoren und Labyrinthen des eingeschneiten Overlook Hotels.

Criterion ↗

1987
Kriegsfilm

Full Metal Jacket

Die Zerstörung menschlicher Identität im Ausbildungslager Parris Island und die bittere Konfrontation in Vietnam.

Criterion ↗

1999
Psychodrama / Mystery

Eyes Wide Shut

Kubricks rätselhaftes Vermächtnis: Eine somnambule Odyssee durch Ehe, Begehren, Eifersucht und Masken.

Criterion ↗

Weiterlesen · Gesamtüberblick

Senses of Cinema bietet eine vollständige Filmografie, Werkanalysen und eine umfangreiche Bibliografie für tiefergehende Recherchen.

Kubrick · Great Directors Profile ↗

Weiterlesen, ansehen, abtauchen

Das Netz über Stanley Kubrick ist riesig. Vieles wiederholt dieselben Geschichten. Einiges führt dagegen sehr tief. Diese Auswahl ist bewusst fokussiert und nutzt das Archiv für verlässliche Entdeckungen:

Archive & Originalmaterial

The Stanley Kubrick Archive

Der wichtigste Ort für Kubricks Nachlass: Drehbücher, Setpläne, Continuity-Polaroids, Requisiten und Dokumente zu unvollendeten Projekten.

University of the Arts London ↗

Through a Different Lens

Kubrick vor Kubrick: Mehr als 120 Fotografien aus seiner Zeit beim Magazin Look – die Grundschule seiner Bildsprache.

Museum of the City of New York ↗

Kubrick als Fotograf auf Youtube

Ken Adam Archiv

Zeichnungen und Entwürfe des legendären Production Designers (Dr. Strangelove, Barry Lyndon sowie die James-Bond-Bauten).

Deutsche Kinemathek ↗

The Kubrick Site

Altmodisch, textlastig, grossartig: Visual Memory bewahrt historische Interviews, wissenschaftliche Essays und seltene Originaldokumente.

Visual Memory ↗

Interviews, Stimmen & Recherche

Kubrick im Gespräch

Jeremy Bernsteins grosses New-Yorker-Porträt entstand während der Arbeit an «2001». Kubrick spricht über Schach, Technik, Film und seine Arbeitsweise.

Jeremy Bernstein · The New Yorker ↗

Die Mitarbeiter

Die Oral-History-Reihe des Kubrick Archive lässt Familie, Freunde, Kollegen und langjährige Mitarbeiter über Stoffentwicklung, Design, Kamera und Musik sprechen.

Oral History · Stanley Kubrick Archive ↗

Citizen Kubrick

Jon Ronson öffnet Kubricks legendäre Kisten auf dessen Anwesen: Ein Meisterstück über Sammelwut und Alltag des Regisseurs.

Jon Ronson · The Guardian ↗

Wie Barry Lyndon entstand

Technischer Werkstattbericht aus erster Hand über die Adaption der Zeiss-f/0.7-NASA-Linsen für natürliches Kerzenlicht.

American Cinematographer ↗

Weiterblättern · Meine Auswahl

Stanley Kubrick auf Flipboard

Das Kaninchenloch geht weiter: In meinem Flipboard-Magazin sammle ich laufend Essays, Bilder, Fundstücke und Analysen zu Stanley Kubrick, die über diese Seite hinausführen.

Magazin direkt auf Flipboard öffnen ↗

Und jetzt noch ein Dessert!

Ich habe kurz mit mir gerungen, ob ich den Link einfach hinstelle und den Erstbetrachter ins offene Messer laufen lasse. Habe mich dagegen entschieden. Also vorweg: alles Fake. Eine Mockumentary. Kubrick, Nixon und der Mann im Mond – sehr echt aussehender Unsinn.

Persönliche Coda

Look again.

Stanley Kubrick hinterliess nur dreizehn Spielfilme – und doch haben sie mein ganzes Leben begleitet. Von jenem Moment im Herbst 1987, als plötzlich sein Brief auf meinem Tisch lag, bis heute: Seine Bilder lassen einen nicht mehr los, wenn man sich einmal auf sie eingelassen hat.

Kubrick hat das Kino nicht bequemer gemacht. Er hat uns gezwungen, genauer hinzusehen, zuzuhören und die Räume zwischen den Zeilen auszuhalten. Seine Filme altern nicht, weil sie keine Moden bedienten, sondern elementare Fragen an den Menschen und seine Systeme stellten.

Vielleicht sehen wir sie immer noch, weil sie uns bei jedem Wiedersehen etwas Neues über uns selbst erzählen.

Kubrick Remembered

In Gary Khammars Dokumentarfilm von 2014 erinnern sich Familie, Freunde und Weggefährten an den Regisseur. In diesem Clip kommt auch seine Frau Christiane zu Wort, die in der Schlussszene von Paths of Glory das berührende Lied «Der treue Husar ↗» sang. In der New Yorker Wohnung des Paars Harford in Eyes Wide Shut sind im Hintergrund zudem Gemälde von ihr ↗ und ihrer Tochter Katharina zu sehen.