Wegzeichen von Hannes Vogel

Wer im St. Johann über die Dreirosenbrücke blickt oder auf der Voltastrasse im Feierabendverkehr ausharrt, stösst unweigerlich auf ein vertrautes Signal aus einer völlig anderen Welt: Am gewaltigen Betonkamin des Fernheizkraftwerks prangen zwei riesige Balken in Weiss-Rot-Weiss. Es ist die klassische Markierung eines alpinen Bergwanderwegs – mitten im rauen, industriellen Herz der Stadt.

Ein Bergwanderweg in den Basler Himmel
Jeder Schweizer Wanderer kennt das Zeichen: Weiss-rot-weiss signalisiert im Gebirge Trittsicherheit, schmale Pfade und alpines Terrain. Doch am Hochkamin des Basler Fernheizkraftwerks Voltastrasse 29/31 markieren die Streifen keinen felsigen Grat, sondern ragen kerzengerade in die städtische Dunstglocke.
Geschaffen hat diese monumentale Intervention der Thurgauer Konzeptkünstler Hannes Vogel (geb. 1938) im Jahr 1981. Als das Werk der Industriellen Werke Basel (IWB) erweitert und der Kamin neu hochgezogen wurde, nutzte Vogel die Gelegenheit für einen hintersinnigen Kommentar zur modernen Industriegesellschaft: «Mit den Wegmarkierungen möchte ich über unsere urbane Umgebung hinaus in den Erholungsraum ‹Alpen› weisen», erklärte der Künstler seinen Entwurf.
Dahinter verbirgt sich eine gehörige Prise Ironie. Vogel assoziierte mit der Bemalung bewusst den Gedanken an reine «Alpenluft», während aus dem Schlot im Winter dichter Rauch und Dampf in den Äther steigen. Zugleich ist es ein visuelles Versprechen des Ausbrechens: Wer auf der Dreirosenbrücke oder im Zubringerverkehr der Nordtangente festsitzt, blickt nach oben und liest das Signal als Aufforderung zum Aufbruch – weg vom Asphalt, hinein in die Weite.

Kraftwerk, Transit und die Transformation des Quartiers
Das Fernheizkraftwerk im St. Johann gehört zu den unverzichtbaren Lebensadern Basels. Von hier aus versorgen die IWB zehntausende Haushalte mit Wärme, während rundherum einer der dynamischsten Stadtumbauten der letzten Jahrzehnte stattfand: Wo einst rauchende Fabriken und Gleisanlagen das Quartier dominierten, wuchs der Novartis-Campus heran und veränderte die Silhouette des Rheinknies grundlegend.
Inmitten dieser glatten Glas- und Betonarchitektur hat Hannes Vogels Werk seinen ursprünglichen Reiz behalten. Statt die schiere Masse des Kamins mit unauffälligen Grautönen kaschieren zu wollen, betonte der Künstler die Vertikale und verwandelte einen profanen Abzugsschacht in eine Landmarke der Basler Alltagskultur. Das Zeichen funktioniert ohne Worte: Es bringt das kollektive Gedächtnis der Schweizer Wanderkultur in direkte Reibung mit der thermischen Energieerzeugung einer Grenzstadt.
Weiterführende Links: Urbane Zeichen und Rheinkultur
- Kunst unter der Johanniterbrücke – Skulpturen, Betonstrukturen und verborgene Kunsträume am Flussufer.
- Chemie am Rhein: Eine Basler Industriegeschichte – vom Fabrikrauch des St. Johann bis zum modernen Life-Science-Campus.
- Dossier uferlos: Basel und der Rhein – Bauten, Landmarken und Geschichten entlang des Stroms.



