Stresstest am Rheinknie: Was der Hitzesommer 2026 für das Ufer bedeutet

Am 30. Juli zeigte die Messstation Basel-Binningen 39,7 Grad. Die Buvetten liefen über, die Frachtschiffe fuhren halb leer, und das Zusammenleben am Rhein stiess an seine Grenzen. Eine Bilanz nach dem heissesten Sommer seit Messbeginn.
Es gibt einen Geruch, den Basel nur nach Wochen sengender Hitze entwickelt: heisser Buntsandstein, verdorrtes Gras vor der Kaserne, warmes Bier auf den Steinquadern, Grillrauch aus Blechkübeln. Darüber, kühl und unbestechlich, der modrige Atem des Rheins. Seit Mitte September setzt die Dämmerung früher ein, die Schatten der Platanen am Kleinbasler Ufer werden länger, und die Stadt atmet aus. Es klingt nach Erschöpfung.
Ich bin in diesen Monaten unzählige Male dem Wasser entlanggegangen. Wenn der Asphalt im Quartier die Hitze des Tages wie ein Speicherofen zurückgab, zog es mich an die Kante, wie halb Basel. Dort unten schien das Überleben leichter. Was als kollektive Flucht vor den Tropennächten begann, wurde im Lauf des Sommers zum Stresstest für den Begriff der Gemeinschaft.
Die Zahlen dazu sind eindeutig. Basel zählte in diesem Sommer 52 Hitzetage mit über 30 Grad; im Mittel der Jahre 1991 bis 2020 waren es 14. Bereits am 27. Juni wurden in Binningen 39,0 Grad gemessen, ein neuer Allzeitrekord für die Station. Am 30. Juli folgten 39,7 Grad, womit die höchste je auf der Alpennordseite gemessene Temperatur erreicht wurde, gleichauf mit Genf im Juli 2015. Am selben Morgen fiel das Thermometer auf St. Chrischona bis 7.30 Uhr auf 27,3 Grad, was den bisherigen Höchstwert einer Tagesminimaltemperatur in der Schweiz übertraf. Wer in diesen Nächten am Rhein sass, sass dort aus Notwehr.
Ein schmaler Streifen Stadt
Am Rheinbord gibt es keine Liegewiesen. Wer hier sitzt, sitzt auf Granit: auf den Quadern der Ufermauer, auf Treppenabsätzen, auf dem Kiesstreifen unterhalb des Wegs. Schulter an Schulter, die Füsse über dem Wasser, Flasche an Flasche. Zwischen Schöneck und Florastrasse gab es an manchen Juliabenden kein Durchkommen mehr. Wer bloss dasitzen und schauen wollte, fand sich eingeklemmt zwischen Kellnerpfaden, Bluetooth-Boxen und dem Lärm von hundert Gesprächen.
Draussen im Fahrwasser schoben sich derweil die Lastschiffe stromaufwärts, wegen des tiefen Pegels mit stark reduzierter Abladetiefe, vorsichtig manövrierend durch ein Heer von Wickelfischen, Stand-up-Paddlern und Fährseilen. Der Sommer führte es vor: Das Rheinufer ist ein erstaunlich schmaler, hochgradig verwundbarer Streifen Stadt.
Die Genesung
Dass Basel im Sommer ein beinahe mediterranes Flussleben zelebriert, wirkt auf jüngere Baslerinnen und auf Gäste wie eine Selbstverständlichkeit. Es ist ein historisches Privileg. Vor vierzig Jahren wäre niemand freiwillig in diesen Strom gestiegen. In meinem Beitrag «Der rote Rhein» habe ich an die Nacht vom 1. November 1986 erinnert, als die Lagerhalle 956 in Schweizerhalle brannte und giftiges Löschwasser den Fluss auf Hunderten von Kilometern biologisch vernichtete. Es brauchte diese Katastrophe, um Industrie, Politik und Klärtechnik zum Umdenken zu zwingen.
Heute ist das Wasser sauberer als seit über einem Jahrhundert, und das Basler Rheinschwimmen ging in diesem Sommer um die Welt. Internationale Medien berichteten über Banker, die ihre Kleider in bunte Säcke packen und sich nach Feierabend mitten durch eine Grossstadt treiben lassen. Der Rhein ist der eigentliche Park dieser Stadt geworden, ihr Herz, ihr Lebensgefühl. Je begehrter dieses Gemeingut wird, desto dichter drängen sich die Begehrlichkeiten am Ufersaum.
Schwimmen braucht Treppen
Rheinschwimmen ist städtische Freiheit in Reinform: barrierefrei, generationenübergreifend, gratis. Sie funktioniert nur mit funktionierenden Übergängen. Wer beim Birsköpfli oder beim Tinguely-Museum einsteigt und sich bachab treiben lässt, braucht sichere Ausstiege, freie Treppen und Übersicht. Die Warnungen der SLRG Basel und ihre Karte der Ein- und Ausstiege sind Überlebenshilfe. Zwischen den Pfeilern der Wettsteinbrücke und der Mittleren Brücke, zwischen Kursschiffen, Ruderbooten und Fährseilen entstehen Strömungen und tote Winkel, die bei Tausenden von Badenden rasch gefährlich werden. Ein Ufer, dessen Stufen und Geländer von Eventbauten verstellt sind, dessen schmale Ausstiege Verzehrflächen weichen müssen, nimmt den Schwimmerinnen ihre Sicherheit.
Der unsichtbare Kreis
Es steht ausser Frage: Die Buvetten haben das Kleinbasler Ufer seit den Nullerjahren gerettet. Sie haben dunkle Ecken erhellt, soziale Kontrolle geschaffen, Orte des Austauschs etabliert. Doch im Hochsommer kippte die Balance. Aus einfachen Getränkeständen sind stattliche Aussenwirtschaften geworden, die beträchtliche Abschnitte des Trottoirs beanspruchen. Wenn die Behörden Bewilligungen für Boulevardgastronomie erteilen, verlangen sie zu Recht, dass Fussgängern genügend Raum bleibt. An einem heissen Abend klaffen Theorie und Praxis weit auseinander. Ein Tisch im Freien schafft Geselligkeit und zieht zugleich einen unsichtbaren Kreis des Konsumzwangs. Die Kante muss Gemeingut bleiben, offen für jeden, der mit einer mitgebrachten Wasserflasche dem Rauschen zuhören will.

Gehen
Zu Fuss erschliesst sich der Fluss in anderen Rhythmen. Wie reich die Uferpromenaden jenseits des Trubels sein können, beschreibt der Kulturjournalist Alois Bischof in seinem Gastbeitrag über die «Tour des Ponts», einen Spaziergang über sämtliche Brücken Basels, der den Rhein als urbanes Kontinuum begreift. Beim Gehen merkt man, dass der Strom Raum braucht, um zu wirken. Es darf Meter Ufer geben, die niemand bespielt, bewirtet oder beschallt. Die Leere, der weite Blick über das Wasser zum Münsterhügel oder zu den Weiden vor der Kaserne, gehört zu den wesentlichen Qualitäten dieser Stadt.
Auf dem Wasser wird gearbeitet
Vom Schatten der Platanen aus wirkte dieser Sommer wie ein endloses Fest. Draussen im Fahrwasser herrschte Ausnahmezustand. Die Güterschifffahrt, die über die Basler Rheinhäfen rund einen Zehntel der Schweizer Importe abwickelt, litt unter der Trockenheit. Die Schiffe lagen hoch im Wasser, fuhren mit einem Bruchteil der Ladung und kämpften mit Untiefen und der Hitze in den Laderäumen. Dazwischen manövrierte die Personenschifffahrt ihre Ausflugsgäste, und die Fährleute leisteten Schwerstarbeit. «Vogel Gryff», «Wild Maa», «Leu» und «Ueli» fahren allein mit der Kraft der Strömung und einem langen Drahtseil. Wenn Hunderte von Schwimmern quer durch die Fährgasse treiben und Paddler den Frachtern in die Quere kommen, wird der Fluss zum anspruchsvollen Arbeitsplatz. Er setzt gegenseitige Rücksicht voraus.
Der Morgen danach
Zur Öffentlichkeit gehören auch jene, die hinter der Uferstrasse wohnen. Im August und September erreichten die Lärmklagen am Oberen und Unteren Rheinweg erneut Höchstwerte. Wer am Rhein lebt, kennt die Lebendigkeit seines Quartiers. Schlaf bleibt trotzdem ein Grundbedürfnis.
Das augenfälligste Symptom der Übernutzung ist der Abfall. Was abends als unbeschwerte Rheinkultur gefeiert wird, hinterlässt frühmorgens ein Bild der Verwahrlosung: Pizzakartons auf den Stufen, Scherben im Pflaster, Aludosen, Einweggrills und zentnerweise Plastik, bis die Stadtreinigung im Morgengrauen ausrückt. Littering ist die Privatisierung des Spasses auf Kosten der Allgemeinheit und des Gewässers. Wenn der Ufersaum am Morgen danach wie eine Deponie aussieht, hat die Idee des gemeinsamen Raums versagt.
Wem gehört das Ufer?
Die kurze Antwort lautet: allen. Die ehrliche Antwort lautet: niemandem allein.
Das Rheinufer gehört der Schwimmerin mit dem Wickelfisch ebenso wie dem Fährimaa am Steuer, dem Spaziergänger auf der Brücke wie den Gästen an der Buvette, den Kapitänen der Frachtschiffe wie den Anwohnern im St. Johann und im Kleinbasel, die ein Recht auf ihre Nacht haben.
Öffentlichkeit am Rhein existiert dort, wo diese Ansprüche sichtbar bleiben und sich gegenseitig zähmen. Wo ein Weg im Freien endet statt im Restaurantgarten. Wo das Sitzen am Bord ohne Konsumation als normal gilt. Wo die Narben von Schweizerhalle Mahnung bleiben, den Fluss rein zu halten. Und wo nach einer heissen Sommernacht wieder Platz geschaffen wird für den nächsten Tag.
Weiterführende Links
- SLRG Sektion Basel: Rheinschwimmen, Gefahren und Übersicht der Ein-/Ausstiege – Offizielle Sicherheitsregeln und Verhaltenshinweise für den Basler Rhein.
- Schweizerische Rheinhäfen (Port of Switzerland) – Hintergründe zur Binnenschifffahrt, Pegelständen und der logistischen Bedeutung der Basler Häfen.
- MeteoSchweiz: Klimawandel und Hitzewellen in der Schweiz – Daten, Messreihen und Klimaszenarien zu sommerlichen Extremtemperaturen und Tropennächten.
Mehr Texte und Beobachtungen rund um Basel und den Fluss im Dossier uferlos.
