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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Helvetia

Auf der Kleinbasler Seite der Mittleren Brücke sitzt eine Frau aus Bronze und blickt rheinabwärts. Sie trägt die Zeichen der Schweiz bei sich – und hat sie für einen Moment abgelegt.

Bettina Eichins Bronzeplastik Helvetia auf Reisen am Kleinbasler Brückenkopf der Mittleren Brücke
Bettina Eichin: «Helvetia auf Reisen», 1980. Bronzeplastik am Kleinbasler Brückenkopf der Mittleren Brücke.

Eine Nationalfigur macht Pause

Seit 1980 sitzt Bettina Eichins «Helvetia auf Reisen» auf der Mauer beim Kleinbasler Brückenkopf der Mittleren Brücke. Die überlebensgrosse Bronzeplastik zeigt keine siegreiche oder pathetische Nationalfigur. Helvetia sitzt. Sie ruht sich aus, schaut nachdenklich auf den Rhein und scheint für einmal niemanden repräsentieren zu müssen.

Schild und Speer liegen neben ihr. Den Mantel hat sie über die Brüstung gelegt, der Koffer steht bereit. Die Frau, die auf Schweizer Münzen gewöhnlich aufrecht und bewaffnet erscheint, ist bei Eichin zur Reisenden geworden. Sie ist angekommen – vorläufig.

«Eines Tages verlässt Helvetia ein Zweifrankenstück …»

Bettina Eichin, Begleittext zu «Helvetia auf Reisen»

Die Geschichte beginnt mit dem Ausstieg aus dem Geldstück. Helvetia mischt sich unter das Volk, geht durch die Stadt und kommt schliesslich nach Basel. Nach dem anstrengenden Gang legt sie ihre Attribute ab und blickt rheinabwärts. Die nationale Allegorie wird zur Beobachterin.

Die Schweiz sitzt am Rhein

Der Standort ist präzise gewählt. Die Mittlere Brücke verbindet Gross- und Kleinbasel. Hier treffen sich Altstadt, Verkehr, Tourismus und das alltägliche Leben am Fluss. Wer auf der Brücke steht, sieht den Rhein als Grenze und Verbindung zugleich.

Helvetia sitzt am Rand dieses Übergangs. Sie gehört zur Stadt und hält zugleich Abstand. Ihr Blick folgt dem Wasser, das Basel verlässt und weiter nach Norden fliesst. Hinter dem scheinbar ruhigen Gesicht liegt eine politische Frage: Wie sieht ein Land aus, wenn es sich selbst beim Vorübergehen beobachtet?

Die Bronzeplastik ist deshalb mehr als eine Sehenswürdigkeit für Passantinnen und Passanten. Sie ist ein stiller Kommentar zur Schweiz: zur Idee von Heimat, zu den Symbolen des Staates und zu einer Gesellschaft, die sich ständig verändert. Der Koffer erinnert daran, dass Identität auch Bewegung bedeutet.

Was geht ihr durch den Kopf?

Wer Helvetia gegenübersitzt, kann die Frage unterschiedlich beantworten. Vielleicht denkt sie über die Stadt nach, die sich unter ihr bewegt. Vielleicht über die Menschen, die täglich die Brücke überqueren. Vielleicht über den Rhein, der keine Grenze respektiert, sondern einfach weiterfliesst.

Ihr Gesicht gibt keine Antwort. Genau darin liegt die Stärke des Werkes. Eichin erklärt ihre Figur nicht vollständig. Sie lässt Raum für eigene Gedanken und macht aus einem vertrauten Nationalsymbol eine Person mit Müdigkeit, Neugier und einem eigenen Blick auf die Welt.

Bettina Eichin und die Erinnerung an Schweizerhalle

Von Bettina Eichin stammt auch das Werk «Markttische», das ursprünglich für den Basler Marktplatz geplant war. Nach dem Grossbrand von Schweizerhalle am 1. November 1986 nahm die Künstlerin die Katastrophe in das Werk auf. Heute stehen die beiden bronzenen Tische im Kreuzgang des Basler Münsters.

Auf einem der Tische findet sich neben Auszügen aus Johann Peter Hebels Gedicht «Die Vergänglichkeit» der Verweis «z.B., 1. Nov. 1986, 00.19 H». Die Arbeit verbindet damit Stadtgeschichte, Umweltkatastrophe und Erinnerungskultur.

Die Geschichte des roten Rheins habe ich ausführlich im Beitrag «Der rote Rhein: Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle» beschrieben.

Eine Figur zum Vorübergehen

Die meisten Menschen gehen an Helvetia vorbei. Einige bleiben stehen, lesen die Tafel oder fotografieren die Bronze. Andere setzen sich in ihre Nähe und schauen selbst auf den Rhein.

Vielleicht ist das die schönste Wirkung dieses Werkes: Helvetia verlangt keine Verehrung. Sie wartet. Und wer sich neben sie setzt, wird für einen Augenblick Teil ihrer Reise.

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