Der Rhein war schon immer die Lebensader der Stadt Basel

Der Rhein ist Basels längste Strasse, grösster Freiraum und verlässlichste Bühne. «uferlos – Basel und der Rhein» folgt ihm vom Kraftwerk Birsfelden durch die Stadt und die Häfen bis zur Schleuse von Kembs. Der Blick richtet sich auf das, was Alltag, Kunst, Natur, Industrie und Stadtgeschichte am, im, auf und über dem Wasser hinterlassen haben. Der Rhein bildet dabei das blaue Band, das alle Geschichten verbindet.
Am Rheinknie wechselt der Fluss die Richtung
Bis Basel hat der Rhein von seinen alpinen Quellen im Bündnerland rund 376 Kilometer zurückgelegt. Mitten in der Stadt, auf der Höhe der Mittleren Brücke, vollzieht er ein geologisches Schauspiel: das Rheinknie. Eingekeilt zwischen dem Schweizer Jura und den Ausläufern des Schwarzwalds biegt das Wasser in einem fast perfekten rechten Winkel von Westen nach Norden in den Oberrheingraben ein. Hier endet der Hochrhein, und hier beginnt der schiffbare Oberrhein.
Von den Bündner Bergen bis zu den Mündungsarmen in die Nordsee misst der Rhein offiziell 1’232,7 Kilometer. Jene 2’900 Kilometer, die mancherorts hartnäckig durch Reiseführer geistern, beruhten einst auf einem schlichten Zahlendreher. Auch mit den Gezeiten hat Basel wenig zu tun – Ebbe und Flut machen sich erst tief im niederländischen Delta bemerkbar. Berechnet und vermessen wird der Strom heute grenzüberschreitend durch die Internationale Kommission für die Hydrologie des Rheingebietes.
Neun Staaten teilen sich sein Einzugsgebiet. Kiesel, Wasserfloh, Mikroplastik und chemische Spuren scheren sich nicht um Grenzpfähle. Der Rhein war schon ein völkerverbindendes, paneuropäisches Flusssystem, lange bevor Politiker diesen Begriff überhaupt erfanden.
Der Fluss trennt Basel und hält es zusammen
Der Rhein trennt Grossbasel von Kleinbasel – und hält die Stadt dennoch im Innersten zusammen. Über sechshundert Jahre lang gab es zwischen dem Bodensee und Strassburg nur eine einzige feste Querung: die Basler Rheinbrücke. Bischof Heinrich von Thun liess sie um 1225 errichten. Um das damals astronomisch teure Bauwerk aus Holz und steinernen Kastenpfeilern zu finanzieren, musste der Kirchenfürst sogar sakrale Kirchenschätze verpfänden und bei jüdischen Händlern Kredite aufnehmen. Doch die Wette ging auf: Basel sicherte sich das lukrative Brückenzollprivileg und wurde zur unumgänglichen Drehscheibe des Nord-Süd-Handels über den Gotthard.
Dass der Fluss die Gemüter erhitzte, zeigt eine der berühmtesten Anekdoten der Stadt: der Lällekönig. Am Grossbasler Brückenkopf der alten Rheinbrücke montierten die Bürger eine Skulptur, die den Kleinbaslern am jenseitigen Ufer im Minutentakt mit einem Uhrwerk die Zunge («Lälli») herausstreckte und mit den Augen rollte. Ein hölzerner Gruss des stolzen Grossbasler Patriziats an die vermeintlich bäuerlichen Nachbarn drüben ennet dem Rhein – bis die Kleinbasler mit ihren eigenen Traditionen (wie dem Vogel Gryff) selbstbewusst Kontra gaben.
Der Fluss war Arbeitgeber, Nahrungslieferant und Mülldeponie zugleich. Im Mittelalter wimmelte es von Fischern, die Lachse zu Tausenden aus dem Wasser zogen; Flösser brachten gigantische Tannenstämme aus dem Schwarzwald. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert nutzten die Färbereien und Chemiefabriken an beiden Ufern den Strom als Nutzwasser und kostenlose Kloake. Erst die verheerende Brandkatastrophe von Schweizerhalle am 1. November 1986, die das Wasser rot färbte und den Fluss auf hunderten Kilometern vergiftete, erzwang eine radikale Wende. Wie das Historische Lexikon der Schweiz eindrücklich dokumentiert, wurde der Rhein durch beispiellose Klärprogramme vom Industrieabwasserkanal zurück zu einem lebendigen Ökosystem verwandelt.
Hafen, Industrie und Gelpkes Wette um das Meer
Dass die Binnennation Schweiz heute Hochseeschiffe besitzt und eigene Häfen betreibt, verdankt sie einem Mann und einer kühnen Vision: Ingenieur und Nationalrat Rudolf Gelpke. Um 1900 glaubte kaum jemand daran, dass moderne Frachtschiffe gegen die tückischen Stromschnellen des Oberrheins bis nach Basel vordringen könnten. Ingenieure spotteten, der Rhein sei ab Strassburg ein wilder Gebirgsbach.
Gelpke wettete dagegen: Am 2. Juni 1904 steuerte er den Schleppdampfer «Christina» mit eigener Kraft und vollem Kesseldruck stromaufwärts, kämpfte sich durch die gischtende Strömung und legte unter dem Jubel tausender Schaulustiger an der Basler Mittleren Brücke an. Der Beweis war erbracht. 1906 begann der Bau des Hafens St. Johann, später folgten die weitläufigen Becken in Kleinhüningen, Birsfelden und Muttenz.
Heute schlagen die Schweizerischen Rheinhäfen jährlich Millionen Tonnen Güter um. Auch wenn traditionelle Treibstoffimporte im Zuge der Energiewende zurückgehen, boomt der moderne Containerumschlag. Bei Rheinkilometer 170 schlägt das logistische Herz, das die Schweiz direkt mit Rotterdam, Antwerpen und den Weltmeeren verbindet.
Stadtfluss, Grenzraum und der Wickelfisch
Wenige Kilometer flussabwärts gleitet das Wasser ins Dreiländereck: Hier stossen die Schweiz, Frankreich und Deutschland auf einer unsichtbaren Wasserlinie zusammen. Ein Raum gelebter Europapolitik, in dem Grenzgänger pendeln und Dreiland-Brücken die Ufer verknüpfen.
Doch mitten in Basel gehört der Rhein im Sommer vor allem den Menschen. Wo früher schwere Lastkähne dominierten, verwandelt sich das Kleinbasler Ufer an warmen Tagen in ein gigantisches Freiluft-Wohnzimmer. Das Basler Rheinschwimmen ist kein Sport, sondern eine Lebensphilosophie: Man rollt Kleidung und Wertsachen in den farbenfrohen, wasserdichten «Wickelfisch» (eine echte Basler Erfindung von 2002), springt beim Museum Tinguely oder an der Schaffhauserrheinweg-Treppe ins kühle Nass und lässt sich vom Fluss durch die Altstadtkulisse treiben.
Dazwischen kreuzen die vier historischen Basler Fähren lautlos den Strom, nur angetrieben von der Kraft des Wassers an ihren langen Drahtseilen. Unter der Wasseroberfläche verlaufen Kabel, Leitungen und Straßentunnel. Und an den Ufern stehen Skulpturen, historische Bauten und moderne Türme, die sich im Wasser spiegeln.
Geschichten entlang des blauen Bandes
In diesem Dossier wird der Rhein zum Archiv der Stadt. Bauwerke verändern sich, Fabriken weichen modernen Wohnquartieren, Brücken werden erneuert. Doch der Fluss bleibt. Er trägt ihre Geschichten weiter.
- Der Rhein und sein Name – etymologische Herkunft, römischer Limes und die politische Bedeutung des europäischen Stroms.
- Die Mittlere Brücke von Basel – sechs Jahrhunderte lang die einzige Rheinquerung der Stadt.
- Die Wettsteinbrücke – vom Streit um die «Schiefe Brücke» bis zur Heimkehr des Basilisken.
- Die Basler Fähren: Vom Wasser getragen, von der Stadt geliebt – das lautlose Gleiten am Drahtseil.
- Chemie am Rhein: Eine Basler Industriegeschichte – von den Seidenfärbereien über Schweizerhalle bis zum modernen Campus.
- Rhystärn: Ein neues Schiff für Basel – das Flaggschiff der Basler Personenschifffahrt auf grosser Fahrt.
- Fischergalgen am Rhein bei Basel – jahrhundertealtes Handwerk und Lachszüge an den Basler Ufern.
- Das alte Basler Kinderspital am Rhein – Genesung mit Blick auf die Rheinschiffe.
- Tunnel unter dem Rhein – was tief im Flussbett verborgen liegt.
- Helvetia auf der Reise – Kunstbetrachtung am Kleinbasler Brückenkopf.
- So etwas wie ein Vorwort zum Blog «uferlos – Basel und der Rhein» – die Einladung zum Flanieren am Wasser.
Am Rhein lässt sich Basel lesen wie in einem offenen Geschichtsbuch. Man muss nur nahe genug ans Wasser treten.
Der Beitrag wurde im September 2026 vollständig überarbeitet, historisch erweitert und aktualisiert.



