Die Basler Fähren: Vom Wasser getragen, von der Stadt geliebt

Vier Rollfähren, ein Rhein und eine Stadtgeschichte, die mit der Strömung fährt
Man steigt ein, das Holz knarrt unter den Schritten, die Kette rasselt – und schon wird der Lärm der Stadt leiser. Für einen kurzen Augenblick bleiben nur das Wasser, die Strömung und das ruhige Surren der Laufrolle über dem Rhein.
Basel besitzt vier Fähren. Sie verbinden die beiden Ufer ohne Motor und ohne Brücke. Ihre Energie liefert der Rhein; die Richtung bestimmt der Fährimaa oder die Fährifrau. Im Alltag sind sie Verkehrsmittel, Aussichtspunkt und Treffpunkt zugleich. Wer an Bord geht, nimmt sich für ein paar Minuten aus dem Takt der Stadt.
Kurzüberblick
- Vier Fähren queren den Rhein zwischen St. Alban und St. Johann.
- Die erste Basler Fähre nahm 1854 den Betrieb auf.
- Alle vier Boote sind Roll- oder Gierseilfähren und nutzen die Strömung des Rheins.
- Aktuelle Fahrzeiten, Preise und Betriebsunterbrüche veröffentlicht der Fähri-Verein Basel.
Eine Fähre für die Kunst
Bis ins 19. Jahrhundert war der Rhein in Basel vor allem ein Hindernis. Die Mittlere Brücke war der feste Übergang zwischen Gross- und Kleinbasel. Für viele Wege bedeutete das einen Umweg – und für eine Stadt mit wachsendem Handel, Gewerbe und Publikum war das zunehmend unpraktisch.
Die erste neue Verbindung entstand 1854 auf Initiative der Basler Künstlergesellschaft. Die Einnahmen aus der Fähre sollten helfen, ein eigenes Ausstellungs- und Vereinshaus zu finanzieren. Das erste Boot hiess «Rheinmücke» und verkehrte beim Harzgraben, ungefähr dort, wo später die Wettsteinbrücke entstand. Fährgäste überquerten den Fluss und unterstützten dabei indirekt die Entstehung der Kunsthalle Basel, die 1872 am Steinenberg eröffnet wurde.
Mit dem Bau neuer Brücken veränderten sich die Linien. Die Fähren verschwanden jedoch nicht. Sie rückten an andere Stellen des Flusses und wurden zu einer Basler Spezialität: langsam genug für einen Blick auf die Stadt, schnell genug für den Weg ans andere Ufer.
Wie eine «fliegende Brücke» funktioniert
Die Basler Fähren sind Rollfähren, im Alltag spricht man auch von Gierseilfähren. Über dem Fluss spannt sich ein Tragseil von Ufer zu Ufer. Eine Laufrolle – der «Reiter» – hängt daran. Von dieser Rolle führt ein weiteres Seil zum Boot.
Der Fährimaa stellt das Boot schräg in die Strömung. Das Wasser drückt gegen den Rumpf und schiebt ihn seitwärts ans gegenüberliegende Ufer. Das Seil hält die Fähre auf ihrer Bahn. Der Motor ist der Fluss; das Werkzeug des Fährmanns ist Erfahrung.
Darum spricht Basel von der «fliegenden Brücke». Das Boot fliegt nicht. Es lässt sich von der Strömung tragen – und sieht dabei aus, als würde es quer über das Wasser gleiten. Bei hohem Wasserstand, starkem Wind oder aus Sicherheitsgründen kann der Betrieb eingestellt werden. Die aktuellen Angaben stehen auf der offiziellen Fähren-Seite.
«Wild Maa»: das Tor zum Dalbeloch
Die St. Alban-Fähre verbindet das St. Alban-Tal mit dem Schaffhauserrheinweg. Das Quartier wirkt hier beinahe dörflich: alte Häuser, Bäume, steile Ufer und der Rhein, der sich unterhalb der Stadtmauern vorbeischiebt. Die Fähre wurde 1894 eingerichtet.
Ihr Name erinnert an den «Wilde Maa», eine der Ehrenfiguren des Kleinbasler Brauchtums. Die Fähre ist damit Verkehrsmittel und bewegtes Stadtzeichen zugleich. Im Sommer nutzen auch Rheinschwimmer die Verbindung, wenn sie nach dem Bad am falschen Ufer landen – ein Problem, das sich in Basel traditionell pragmatisch lösen lässt.
«Leu»: unterhalb der Pfalz
Die Münsterfähre «Leu» fährt unterhalb der Basler Pfalz zwischen Gross- und Kleinbasel. Von ihrem Deck aus stehen die Sandsteinmauern des Münsters ungewöhnlich steil über dem Wasser. Wer sonst nur auf der Brücke oder vom Ufer auf die Stadt blickt, erhält hier eine andere Perspektive.
Als 1877 der Bau der Wettsteinbrücke begann, musste die damalige Fähre beim Harzgraben weichen. Sie wurde flussabwärts verlegt und erhielt ihren neuen Platz unterhalb des Münsters. Die «Leu» übernahm damit die Aufgabe, die einst mit der «Rheinmücke» begonnen hatte.
Aus der kurzen Überfahrt ist längst auch ein besonderer Anlass geworden. Ausserhalb des regulären Betriebs können auf der «Leu» Fonduefahrten gebucht werden. Das Caquelon steht dann mitten auf dem Rhein. Basel hat viele Lokale. Nur wenige lassen sich dabei von der Strömung durchqueren.
«Vogel Gryff»: gerettet vor dem Werbeträger
Die Klingentalfähre «Vogel Gryff» verbindet das Grossbasler Ufer beim Totentanz mit dem Kleinbasler Kasernenareal. Sie wurde 1862 eingerichtet und liegt damit zwischen «Leu» und «Wild Maa» in der Geschichte der Basler Fähren.
Ihre wichtigste Geschichte begann allerdings mehr als hundert Jahre später. Anfang der 1970er-Jahre drohte die Verbindung zu verschwinden. Dr. Hans J. Nidecker und weitere Baslerinnen und Basler setzten sich für den Erhalt ein. Aus dieser Initiative entstand die Stiftung Basler Fähren. 1974 folgte der Verein Freunde Basler Fähren, der später zum Fähri-Verein Basel wurde.
Die Rettung der «Vogel Gryff» war damit mehr als eine einzelne Nachbarschaftsaktion. Sie schuf die Grundlage für das heutige Modell: Die Fähren gehören einer Stiftung, werden von Pächtern betrieben und von einem Verein unterstützt. Ein Verkehrsmittel wurde zum bürgerschaftlichen Projekt.
«Ueli»: die wiederbelebte Fähre
Die unterste der vier heutigen Fähren fährt zwischen dem St. Johanns-Park und dem Unteren Rheinweg. Ihre Geschichte begann 1895 als Schlachthausfähre. Sie diente dem Arbeiterverkehr und verband zwei Ufer, an denen der Rhein damals stärker von Gewerbe und Industrie geprägt war als von Spazierwegen.
Mit der Eröffnung der Dreirosenbrücke 1934 verlor die Fähre ihre Funktion. Die Verbindung wurde eingestellt. Erst 1989 kehrte sie als «Ueli» zurück. Den Namen übernahm sie von der früheren Birsfelder Fähre, die 1954 im Zusammenhang mit dem Kraftwerksbau verschwunden war.
Heute liegt die «Ueli» am Rand des St. Johanns-Parks. Sie bedient den Alltag, aber auch den Ausflug. Und sie zeigt, dass eine Fähre in Basel selbst dann zurückkehren kann, wenn ihre ursprüngliche Aufgabe längst verschwunden ist.
Wie die Fähren heute bestehen
Die Basler Fähren wirken selbstverständlich. Ihr Betrieb ist es nicht. Boote, Seilanlagen, Landestellen und Sicherheitsprüfungen verursachen laufende Kosten. Der Fähri-Verein Basel beschreibt ein Drei-Säulen-Modell:
- Die Stiftung: Sie besitzt die Fähren und sorgt für Unterhalt, Sicherheit und die technischen Revisionen.
- Die Pächter: Sie führen die einzelnen Betriebe und tragen die Verantwortung für den täglichen Betrieb.
- Der Verein: Mitglieder, Gönner und Spenden helfen, die Infrastruktur und grössere Reparaturen zu finanzieren.
Die einzelnen Fähren werden nach den Angaben des Vereins ohne reguläre Staatsbeiträge erhalten. Wer den aktuellen Fahrpreis bezahlt oder Mitglied wird, unterstützt deshalb zugleich ein Stück Basler Alltagskultur. Die Fähre ist kein Freilichtmuseum. Sie muss jeden Tag funktionieren.
Eine Stadt lässt sich auch treiben
Basels Fähren sind klein, langsam und technisch eigensinnig. Gerade deshalb passen sie zur Stadt. Sie verbinden Ufer, Quartiere und Geschichten. Auf der «Leu» sieht man das Münster aus einer ungewohnten Nähe. Bei der «Vogel Gryff» liegt die Kaserne plötzlich gegenüber. Die «Wild Maa» macht das St. Alban-Tal zum Ausgangspunkt einer kurzen Flussreise. Die «Ueli» zeigt, wie eine verschwundene Verbindung wieder Teil des Stadtlebens werden kann.
Wer eine Fähre nimmt, überquert den Rhein. Das ist die praktische Erklärung. Die bessere lautet: Man lässt sich für ein paar Minuten von Basel zeigen, wie sie aussieht, wenn sie sich bewegt.
Weiterführende Links: planen, nachlesen, weiterschauen
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Die Basler Fähren: Vom Wasser getragen, von der Stadt geliebt
Der ergänzende Beitrag zu den vier «fliegenden Brücken», ihrer Technik, Geschichte und heutigen Bedeutung. -
Jacques Thurneysen: ein legendärer Fährimaa
Ein Porträt des langjährigen Fährmanns Jacques Thurneysen, der heute nicht mehr aktiv ist. Sein Sohn hält die Verbindung zur Basler Fähri-Tradition weiter aufrecht. -
Fähri-Verein und Stiftung Basler Fähren
Die zentrale Anlaufstelle für die vier Fähren, ihre Geschichte und das Engagement für ihren Erhalt. -
Basel Tourismus: die Rheinfähren
Überblick über die Standorte und praktische Hinweise. Aktuelle Betriebsinformationen bitte zusätzlich bei der jeweiligen Fähre prüfen. -
Basler Stadtbuch
Ein ergiebiges Archiv für die Geschichte der Brücken, der Fähren und der politischen Debatten über neue Rheinübergänge. -
Christoph Merian Stiftung: 800 Jahre Mittlere Brücke
Historische Einordnung der ältesten festen Rheinverbindung Basels. -
Die Basler Brücken aus der Luft
Ein weiterer Blickwinkel im uferlos-Archiv: Brücken und Flussraum aus der Vogelperspektive. -
Die Basler Rheinhäfen
Zum Weiterlesen über jene Arbeits- und Grenzlandschaft, die den unteren Teil dieser Reise prägt.
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