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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Der rote Rhein (1. November 1986)

Eine Nacht, ein Brand, ein roter Fluss: Der Grossbrand von Schweizerhalle veränderte das Verhältnis der Region Basel zur Chemie, zur Sicherheit und zum Rhein.

Die Nacht, in der Basel den Atem anhielt

Es ist 00.19 Uhr am 1. November 1986. Auf dem Sandoz-Areal in Schweizerhalle, rund fünf Kilometer oberhalb von Basel, wird in der Lagerhalle 956 ein Brand entdeckt. Wenige Minuten später steht das Gebäude in Flammen. Die Feuerbälle sind von weitem zu sehen, der Rauch zieht in Richtung Basel.

Viele Baslerinnen und Basler erinnern sich bis heute daran, wo sie in dieser Nacht waren. Manche wurden durch Explosionen geweckt, andere durch den Geruch oder die Sirenen. Die Behörden forderten die Bevölkerung auf, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Die unmittelbare Gefahr lag in Rauch und Verbrennungsgasen unbekannter Zusammensetzung.

«Pausenlos Explosionen, dreissig, vierzig Meter hohe Feuerbälle.»

Augenzeugenbericht, zitiert in der Basler Zeitung

Was in Schweizerhalle brannte

In der Halle lagerten nach den späteren Rekonstruktionen rund 1350 Tonnen chemische Stoffe, darunter Pflanzenschutzmittel, Zwischenprodukte und weitere Substanzen. Die genaue Zusammensetzung war in der Brandnacht weder für die Einsatzkräfte noch für die Bevölkerung rasch überschaubar.

  • 00.19 Uhr: Der Brand in der Lagerhalle 956 wird entdeckt.
  • Rund 1350 Tonnen: Diese Menge an Chemikalien lagert in der Halle.
  • Bis zu 30 Tonnen: Pestizide gelangen mit dem Löschwasser in den Rhein.
  • Hunderte Rheinkilometer: Die ökologische Wirkung ist weit flussabwärts nachweisbar.

Das Löschwasser wird zur zweiten Katastrophe

Die Feuerwehr kämpfte gegen einen Grossbrand, der sich kaum kontrollieren liess. Das Löschwasser kühlte die Umgebung und verhinderte ein Übergreifen der Flammen. Gleichzeitig nahm es chemische Rückstände auf und transportierte sie in die Kanalisation und weiter in den Rhein.

Am Morgen war der Rhein rot gefärbt. Das Bild ging um die Welt: ein Fluss, der aussah, als würde er Blut führen. Die Farbe stammte von einem zugesetzten Farbstoff und war nicht der gefährlichste Bestandteil der Verschmutzung. Die eigentliche Katastrophe spielte sich teilweise unsichtbar ab – in Form gelöster Pestizide und anderer Schadstoffe.

Fische trieben tot im Wasser, besonders stark betroffen waren Aale und andere empfindliche Arten. Das Gift breitete sich flussabwärts aus und schädigte das Leben im Rhein über Hunderte von Kilometern. Für Basel war der Rhein plötzlich kein abstrakter Strom mehr, sondern ein verletzlicher Lebensraum, dessen Zustand innerhalb weniger Stunden von einem Industrieunfall abhängen konnte.

Ein Wendepunkt für den Gewässerschutz

Schweizerhalle löste heftige Diskussionen über die Sicherheit der chemischen Industrie aus. Basel war und ist eng mit Chemie und Pharma verbunden. Die Branche schafft Arbeitsplätze, Forschung und Wohlstand. Der Unfall zeigte jedoch mit brutaler Klarheit, welchen Preis eine ungenügende Vorsorge im Ernstfall haben kann.

Der öffentliche Druck führte zu strengeren Anforderungen an die Störfallvorsorge, die Lagerung gefährlicher Stoffe und die Rückhaltung von Löschwasser. Auch Warnsysteme, Messprogramme und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit am Rhein wurden weiterentwickelt.

Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins bezeichnet den Sandoz-Unfall als Wendepunkt. Die Rheinanliegerstaaten verabschiedeten das «Aktionsprogramm Rhein» und legten gemeinsame Ziele für die Wasserqualität und die Reduktion gefährlicher Stoffeinträge fest.

Viele biologische Bestände erholten sich in den folgenden Jahren erstaunlich schnell. Der Rhein wurde sauberer und besser überwacht. Er ist heute ökologisch deutlich robuster als 1986, aber keineswegs unverwundbar. Mikroverunreinigungen, Industrieeinträge, Niedrigwasser und steigende Wassertemperaturen stellen weiterhin Fragen an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Das Kunstwerk, das nicht auf den Marktplatz kam

Kurz vor dem Brand arbeitete die Basler Künstlerin Bettina Eichin an einem Auftrag der Firma Sandoz. Für den Marktplatz war ein bronzener Tisch geplant, beladen mit Naturerzeugnissen. Er sollte den Markt und den Reichtum der Stadt symbolisieren. Ein zweiter Tisch sollte den Bezug zum Rathaus herstellen.

Nach der Brandkatastrophe änderte Eichin ihr Konzept. Auf dem zweiten Tisch sollte nun das Datum des Unglücks erscheinen. Der Auftraggeber wollte ein Kunstwerk, das dauerhaft an den eigenen Unfall erinnerte, jedoch nicht an einem der prominentesten Plätze Basels. Sandoz zog den Auftrag zurück. Die Künstlerin erhielt ihr Honorar; der ursprünglich geplante Standort war trotzdem verloren.

Das Werk ist heute unter dem Namen «Markttische» bekannt und steht im Kreuzgang des Basler Münsters. Auf dem leeren Tisch sind Auszüge aus Johann Peter Hebels Gedicht «Die Vergänglichkeit» eingraviert. Darunter steht:

«z.B., 1. Nov. 1986, 00.19 H»

Bettina Eichin, «Markttische»

Die Inschrift verbindet zwei Formen des Erinnerns. Hebels Gedicht spricht vom Vergehen der Menschen und der Städte. Eichins Datum verweist auf eine konkrete Nacht, einen konkreten Ort und eine Katastrophe, die lange verdrängt werden sollte. Der leere Tisch wird dadurch zum Gedächtnisort.

Der Rhein erinnert sich

Der Grossbrand von Schweizerhalle war kein Ereignis, das mit dem Löschen des Feuers endete. Er veränderte den Blick auf die Industrie, auf behördliche Warnungen und auf die Verantwortung gegenüber einem Fluss, der mehrere Länder verbindet.

Für Basel liegt die Erinnerung flussaufwärts. Sie beginnt dort, wo der Rhein an den Industrieanlagen vorbeifliesst, und reicht bis in die Stadt, wo Menschen am Ufer sitzen, Fähren benützen, schwimmen oder den Strom einfach beobachten. Der Rhein ist Lebensraum, Verkehrsweg und Landschaft. Schweizerhalle zeigte, wie schnell er zum Übertragungsweg einer Katastrophe werden kann.

Der Film dokumentiert die Brandkatastrophe von Schweizerhalle und ihre Folgen für die Region und den Rhein.

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