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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Wasserstand Marke am Rathaus Basel

Wasserstand Marke am Rathaus Basel

Unter dem Basler Marktplatz fliesst ein Stück Stadtgeschichte: der Birsig, einst offener Bach, Abwasserkanal, Energielieferant und unberechenbarer Hochwasserstrom.

Wer heute über den Marktplatz geht, sieht einen Platz, das Rathaus, Marktstände und Tramgeleise. Vom Birsig ist nichts zu erkennen. Dabei prägte der Bach die Stadt über Jahrhunderte. Er floss offen durch Basel, trieb Gewerbe an, nahm Abwasser auf und konnte sich bei starkem Regen in einen gefährlichen Strom verwandeln.

Die Hochwassermarke am Basler Rathaus

Hochwassermarke am Basler Rathaus

Beachten Sie die Platte am zweiten Pfeiler, im Bild ganz oben.

Die grosse Messingtafel am Basler Rathaus ist kaum zu übersehen – und doch wissen nur wenige Basler, dass diese Tafel an die beiden zerstörerischen Hochwasser des Birsigs und des Rheins von 1529 und 1530 erinnert. Der Birsig war damals noch nicht überbaut. Er floss offen durch die Stadt und konnte bei starkem Regen zu einem reissenden Strom mit grosser Zerstörungskraft werden.

Eine Kerbe zeigt den Hochwasserstand jener Tage an. Auf der Tafel, die 1537 von einem Handwerker angefertigt wurde, der sich Conrad der Zapfengiesser nannte, ist folgende Inschrift zu lesen:

Inschrift der Hochwassermarke am Basler Rathaus

«Anno domini MDXXVIIII uff den XIII tag brachmonats ist der Birsich unversehenlicher Wassergüs halben so gros geworden, dass er bitz hieher unden an diese Tafel geflossen ist, darvon einer Stat Bassel un der Burgerschaft gros schad entstundt.

Darnach im MDXXX Ja ruf den IIII tag hewmonats ward der Birsich abermollen so gross, das er biss an disen mone [Mond] flos und aber von einem berg am andern gieng. Got behut unss vor ubel alle Zitt».

Die Inschrift ist ein knappes Protokoll einer Katastrophe. Der Birsig trat über seine Ufer und überschwemmte die Talstadt zwischen den Anhöhen. Mit «von einem berg am andern» sind der Münsterhügel und die gegenüberliegenden Höhen gemeint. Die Stadt stand unter Wasser.

Damals war der Birsig nicht der einzige Faktor. Bei hohem Rheinwasser konnte der Bach an seiner Mündung zurückgestaut werden. Sein Wasser konnte nicht mehr abfliessen, stieg im Stadtgebiet an und überschwemmte Strassen, Häuser, Keller und Plätze. Was heute wie eine harmlose Bronzetafel wirkt, erinnert deshalb an eine Zeit, in der ein Bach den Alltag einer ganzen Stadt lahmlegen konnte.

Der Birsig als Stadtfluss

Der Birsig war über Jahrhunderte Teil des städtischen Lebens. Er lieferte Wasser für Gewerbebetriebe, trieb Mühlen und Gewerbekanäle an und diente zugleich als Entsorgungsweg. Abwässer, Abfälle und Schlachtabfälle gelangten in den Bach. Bei normalem Wasserstand war der Birsig deshalb vielerorts ein stinkendes Rinnsal. Bei Unwettern zeigte er eine andere Seite.

Der Bach war zudem ein Hindernis für den Verkehr. Brücken und Stege verbanden die beiden Ufer. Plätze konnten nur dort entstehen, wo der Fluss überdeckt oder überwölbt wurde. Der heutige Marktplatz ist deshalb auch ein Bauwerk über dem Birsig.

Schon im 13. Jahrhundert wurde der Birsig beim heutigen Marktplatz überwölbt. Damit entstand eine nutzbare Fläche mitten in der Stadt. Weitere Abschnitte folgten beim Barfüsserplatz und an anderen Stellen. Der Bach verschwand schrittweise aus dem Stadtbild, blieb aber unter den Strassen erhalten.

Nach dem Hochwasser: Korrektur und Kontrolle

Nach dem Hochwasser von 1530 wurde das Birsigbett zwischen Binningen und dem Steinentor korrigiert. Der Fluss trat danach aufgeteilt in zwei Arme und durch Gatter in die Stadt ein. Diese Vorrichtungen sollten Schwemmgut zurückhalten und konnten bei steigendem Wasserstand hochgezogen werden.

1531 erliess die Stadt eine Wasserordnung. Sie regelte den Umgang mit dem Birsig und organisierte die Hilfe bei Hochwasser. Das war ein früher Versuch, die Naturgewalt administrativ in den Griff zu bekommen. Ganz gelang dies freilich nie. Der Birsig blieb bis ins 19. Jahrhundert ein offener und unberechenbarer Bestandteil der Stadt.

Die Hochwasser von 1529 und 1530 waren deshalb ein Wendepunkt. Sie zeigten, dass der Bach nicht nur ein hygienisches und verkehrstechnisches Problem war. Er konnte innerhalb kurzer Zeit zur existenziellen Gefahr für die Innenstadt werden.

Der Umbau des Marktplatzes

Der Marktplatz veränderte sich mehrfach. Im Mittelalter wurde der Birsig überdeckt, um Raum für Markt und Verkehr zu schaffen. Im späten 19. Jahrhundert folgte die weitgehende Überdeckung des offenen Flusslaufs zwischen Barfüsserplatz und Schifflände. Zwischen 1888 und 1900 verschwand der Birsig damit aus dem unmittelbaren Stadtbild.

Der Umbau hatte mehrere Gründe: Die Stadt wuchs, der Verkehr nahm zu, die hygienischen Zustände waren problematisch und die offenen Wasserläufe galten zunehmend als Hindernis. Der Platz sollte repräsentativer, trockener und besser befahrbar werden. Der Birsig wurde in einen Kanal unter der Stadt verlegt.

Auch das Rathaus wurde im Zusammenhang mit dem Stadtwachstum und der Umgestaltung des Marktplatzes erweitert. Zwischen 1898 und 1904 kamen der Turm auf der rechten Seite und der Gebäudetrakt mit dem Erker auf der linken Seite hinzu. Der Platz erhielt damit weitgehend jene politische und architektonische Wirkung, die ihn bis heute prägt.

Unter dem repräsentativen Platz blieb jedoch der alte Fluss erhalten. Der Birsig verschwand aus dem Blickfeld, aber nicht aus der Stadt. Basel baute über ihn hinweg.

Was vom offenen Birsig geblieben ist

Heute fliesst der Birsig unterirdisch durch die Innenstadt. Wer über den Marktplatz, den Barfüsserplatz oder die Falknerstrasse geht, bewegt sich teilweise über seinem früheren Flussbett. Im Untergrund erzählen Gewölbe, Kanäle und historische Pläne von einer Stadt, die sich ihren Wasserlauf Stück für Stück aneignete.

Der Birsig war einmal offen sichtbar, stinkend, nützlich und gefährlich. Heute ist er unsichtbar und technisch gebändigt. Die Hochwassermarke am Rathaus erinnert daran, dass die Stadt nicht immer so trocken, ordentlich und planbar war, wie sie heute erscheint.

Hier ein Fotoalbum der Seite «Verschwundenes Basel» auf Facebook mit Impressionen aus der Zeit, als der Birsig noch keinen «Deckel» hatte.

Ein weiterer Blogeintrag zum Birsig findet sich bei zeitnah.ch.

Der offene Birsig im Bereich Barfüsserplatz und Rüdengasse vor der Überbauung
Der Birsig im Bereich Barfüsserplatz/Rüdengasse vor der Überbauung.

Weiterführende Beiträge und Quellen