Kaserne Basel

Wo einst Dominikanerinnen im Chorgestühl beteten und später Soldaten exerzierten, pulsiert heute das kulturelle Herz des Kleinbasels. Das Kasernenareal am Rhein hat sich vom umstrittenen Abbruchkandidaten zu einem der lebendigsten Freiräume der Schweiz gewandelt – zwischen freier Theaterszene, Popkultur, Herbstmesse und dem weltberühmten Basel Tattoo.

Vom Frauenkloster zur Militärbastion
Die Geschichte des Areals reicht über sieben Jahrhunderte zurück. Im Jahr 1274 verlegten die Dominikanerinnen ihr Kloster auf Einladung ihres Gönners, des Minnesängers und Ritters Walther von Klingen, aus dem badischen Wehr direkt an das Basler Rheinufer. Bis zur Reformation florierte das Kloster Klingental; 1293 wurde die grosse gotische Kirche geweiht. Ein detailgetreues Modell dieser Klosteranlage um 1510 lässt sich noch heute im benachbarten Museum Kleines Klingental bestaunen, das in den erhaltenen Klausurbauten untergebracht ist.
Nach der Reformation säkularisierte die Stadt die Gebäude und nutzte sie über Jahrhunderte als Kornlager, Wollmagazin und Lazarett. Den radikalen Schnitt brachte das 19. Jahrhundert: Um Platz für ein modernes Militärquartier zu schaffen, liess die Stadt Teile der alten Klosterbauten abreissen. Von 1860 bis 1863 errichtete der Basler Baumeister Johann Jakob Stehlin der Jüngere die Kaserne samt repräsentativem Hauptbau, Stallungen und Reithalle. Genau ein Jahrhundert lang prägten Uniformen, Kasernenhofappelle und Pferdestrillen den Ort.
Kulturwerkstatt statt Abbruchbirne
1966 zog die Schweizer Armee aus der Kaserne ab – und hinterliess ein 2,1 Hektar grosses Vakuum in bester Rheinuferlage. In den folgenden Jahrzehnten lieferten sich Planer, Denkmalpflege und Bevölkerung erbitterte Debatten um die Zukunft des Areals:
- Abbruchpläne: Zeitweise forderte sogar die staatliche Denkmalpflege den Abbruch der Stehlin-Kaserne, um die verschütteten Reste des mittelalterlichen Klosters wieder freizulegen.
- Pionierjahre der 1980er: Während Stadtplaner über Parkhäuser und Strassenzüge nachdachten, besetzten Kunstschaffende und Aktivisten die Hallen mit Leben. 1980 zog die «Kulturwerkstatt Kaserne» in die Reithalle und den Rossstall ein – ein Meilenstein des alternativen Kulturaufbruchs in Basel.
- Multikulturelle Heimat: Im selben Jahr richteten türkischstämmige Muslime in einem Nebengebäude eine der ersten Moscheen Basels ein. Künstlerateliers, Zwischennutzungen und Quartierschulen machten den Hof zu einem sozialen Schmelztiegel.
- Volksentscheide: 1987 lehnte das Basler Stimmvolk den Bau eines unterirdischen Parkhauses wuchtig ab. Der Platz blieb oberirdisch als öffentlicher Freiraum erhalten.

Das kHaus: Die Öffnung zum Rhein
Jahrzehntelang wirkte der wuchtige Hauptbau der Kaserne wie ein Riegel, der den Kasernenhof von der beliebten Rheinpromenade abschnitt. Nach dem Auszug der Gewerbeschule entschied das junge Basler Büro Focketyn del Rio Studio den internationalen Architekturwettbewerb für die Gesamtinstandsetzung für sich.
Im Frühjahr 2022 wurde der sanierte Bau als kHaus feierlich eingeweiht. Das architektonische Kernstück ist eine zweigeschossige Plaza mit mehreren Durchbrüchen: Erstmals in seiner Geschichte ist das Areal barrierefrei und direkt mit dem Rheinbord verbunden. Auf über 3’000 Quadratmetern beherbergt das kHaus heute Co-Working-Spaces, Ateliers, gesellschaftliche Organisationen, Veranstaltungsräume sowie Gastronomiebetriebe, die bis an das Flussufer reichen.
Kulturbetrieb und Grossereignisse heute
Das Kasernenareal zeichnet sich durch die Gleichzeitigkeit von Hochkultur, Subkultur und grossen Volkstraditionen aus. Das Spektrum der heutigen Nutzung ist in Basel einzigartig:
Kaserne Basel (Reithalle & Rossstall): Als grösstes Koproduktionshaus für die freie Theater-, Tanz- und Performanceszene in der Nordwestschweiz geniesst die Kaserne Basel internationales Renommee. Ergänzt wird das Programm durch Clubnächte, Konzerte und Festivals (wie das Festival offener Genres oder die BScene), die das Haus zu einem Fixpunkt für zeitgenössische Popkultur machen.
Basel Tattoo: Jeden Sommer verwandelt sich der Hof in eine monumentale Freiluftarena. Seit 2005 begeistert das nach dem Edinburgh Military Tattoo zweitgrösste Militärmusikfestival der Welt zehntausende von Besucherinnen und Besuchern. Initiiert vom Basler Top Secret Drum Corps, treffen hier Dudelsack-Formationen, Präzisionsdrills und internationale Spitzenmusiker aufeinander.
Basler Herbstmesse: Im Spätherbst verwandelt sich der weite Platz in einen actiongeladenen Jahrmarkt. Als fester Messestandort beherbergt das Areal die spektakulärsten und höchsten Fahrgeschäfte der ältesten Vergnügungsmesse der Schweiz.
Dazwischen gehört der Kasernenhof an warmen Frühlings- und Sommertagen ganz der Nachbarschaft: Kinder spielen auf den Wiesen, Quartierbewohner picknicken im Schatten alter Bäume, und Schwimmerinnen und Schwimmer steigen über die Treppen des kHaus direkt zum Rheinschwimmen hinab. Aus dem militärischen Exerzierplatz ist das pulsierende Wohnzimmer des Kleinbasels geworden.
Weiterführende Links
- Der Rhein als Festarena – wie der Fluss zur Bühne für Stadtfeste und Grossanlässe wird.
- Die Basler Fähren: Vom Wasser getragen, von der Stadt geliebt – historische Flussverbindungen unweit des Kasernenareals.
- Dossier uferlos: Basel und der Rhein – Geschichten, Orte und Denkmäler entlang des Basler Rheinufers.
- Kaserne Basel – das aktuelle Spielplanprogramm für Theater, Tanz, Performance und Musik.
- kHaus Basel – Räume, Gastronomie und gesellschaftliche Projekte im sanierten Hauptbau.
- Basel Tattoo – das weltberühmte Musik- und Marschfestival in der Kasernenarena.



