Das Archiv der Sorglosigkeit: Was unter Basels Rheinschwimmern liegt

Während oben der Sommer gefeiert wird, lüftet der Verein «Rheingeworfen» auf dem Flussgrund das nasse Gedächtnis unserer Wegwerfgesellschaft.
Es gibt dieses eine Basel, das wir alle kennen, lieben und an heissen Sommertagen wie eine Selbstverständlichkeit vor uns hertragen: das Ufer am Kleinbasel, das helle Klirren der Glasflaschen an den Sandsteinquadern, der Duft von Sonnencreme und Grillfeuer. Tausende lassen sich von der Strömung treiben, die Arme über den Wickelfisch gelegt, den Blick hinauf zu den roten Sandsteinen des Münsters gerichtet. Oben glitzert das Wasser smaragdgrün. Es ist die pure, sorglose Leichtigkeit des Seins.
Doch die Idylle hat eine Unterseite. Kaum zwei Meter tiefer, im Dämmerlicht des Flussgrundes, beginnt eine ganz andere Topografie. Dort, wo die Füsse der Schwimmer nur noch trübe Tiefe ahnen, verwandelt sich der Rhein in ein gigantisches, feuchtes Zivilisationsarchiv.
Dass wir heute genau wissen, was dort unten vor sich hinrostet, liegt an einer Handvoll engagierter Menschen, die freiwillig dorthin abtauchen, wo es ungemütlich wird. Sie nennen sich «Rheingeworfen».
Tauchgang ins Verdrängte
Gegründet wurde der Verein von Tauchbegeisterten um Karin Brunner, Jeroen Dierssen und Stefanie Theiler. Während halb Basel nach Feierabend am Ufer sitzt und Apéro trinkt, zwängen sich die Aktivisten in dicke Neoprenanzüge, zurren Atemregler fest und gleiten mit Bleigurten und robusten Netzsäcken in die Strömung. Ein- bis zweimal in der Woche, den gesamten Sommer über.
Was sie dort unten finden, hat mit Naturromantik nichts zu tun. Es ist die sedimentierte Nachlässigkeit einer Stadt. Bis zu 100 Kilogramm Wohlstandsmüll wuchten die Taucher pro Einsatz an die Oberfläche.
Die Ausbeute erzählt in Schichten vom Rhythmus der Nächte am Uferbord:
- Die Banalität des Alltags: Hunderte Aludosen, Bier- und Weinflaschen, Kronkorken, die wie Muschelbänke zwischen den Kieseln klemmen, dazu Sonnenbrillen und zahllose Smartphones, deren Displays im Schlick blind geworden sind.
- Das Schwere und Wuchtige: Velos, E-Trottinetts, Baustellenabschrankungen, Verkehrsschilder – Dinge, die nicht aus Versehen aus der Hosentasche rutschen, sondern mutwillig über das Geländer gewuchtet wurden.
- Das Kuriose: Nähmaschinen, ein vollständiges Gebiss, alte Werkzeuge, Einkaufswagen. Funde, die Fragen aufwerfen, auf die der Fluss keine Antwort gibt.
Manchmal birgt die Arbeit Momente leiser Poesie: Wenn in einer wasserdichten Hülle ein Portemonnaie samt Ausweisen geborgen wird und die Taucher nach detektivischer Spurensuche tatsächlich den erleichterten Besitzer ausfindig machen können. Meistens aber ist es einfach harte, unappetitliche Knochenarbeit gegen die Strömung.
Video: «Erste Unterwasseraufnahmen vom Verein Rheingeworfen» – Einblick in die Bergungsarbeit und das Flussbett bei Basel.
Vom Flussgrund ins kHaus: Zeugen der Sorglosigkeit
Müll hat keine Lobby. Er wird erst dann greifbar, wenn man ihn aus seinem nassen Versteck reisst und mitten ins Licht der Öffentlichkeit stellt. Genau das tut der Verein nicht nur am Flussufer, sondern auch im Ausstellungsraum.
Bereits in früheren Fotoausstellungen mit der Fotografin Anna Guarino wurden die Gesichter und Fundstücke dokumentiert. Zuletzt bespielte die Gruppe das Forum des Basler kHaus am Kasernenareal: Auf 100 Quadratmetern wurden die Fundstücke gereinigt und ungeschönt als Rauminstallation präsentiert – begleitet von Objekten im «Upfloating»-Stil und einem stündlichen Unterwasser-Kino, das den Besucherinnen und Besuchern die trübe, zugemüllte Realität unter Wasser vor Augen führte.
Der Begriff «Upfloating» trifft den Kern: Es geht nicht nur darum, Metall und Scherben an die Oberfläche zu holen, sondern das Bewusstsein der Stadt zu schärfen. Ohne moralischen Zeigefinger, aber mit entwaffnender Deutlichkeit.
Der Rhein vergisst nichts
Man vergisst es beim Schwimmen so leicht: Eine Strömung reisst Dinge mit, aber sie löst sie nicht in Luft auf. Was oben im Rausch einer warmen Sommernacht oder aus purer Bequemlichkeit ins Wasser fällt, verschwindet nicht. Es sinkt auf Grund und wartet.
Der Verein Rheingeworfen räumt dort auf, wo die städtische Stadtreinigung naturgemäss kapitulieren muss. Es ist ein stiller, ehrenamtlicher Dienst an einem Gewässer, das Basel als seine schönste Lebensader feiert.
Wenn du das nächste Mal bei der Mittleren Brücke ins Wasser steigst und dich talwärts treiben lässt: Schau für einen Moment nicht nur in den Basler Himmel, sondern denke an jene, die unten auf den Steinen knien, um den Grund unter deinen Füssen wieder atmen zu lassen.
Weitere Einblicke in die Arbeit, Termine und Unterstützungsmöglichkeiten: auf Instagram und Website: rheingeworfen.ch



