Die alte Universität am Rhein

Hoch über dem Rheinsprung nahm die akademische Bildung der Schweiz ihren Anfang. 1460 gegründet, ist die Universität Basel die älteste Hochschule des Landes. Wo einst Gelehrte der Renaissance und Pioniere des Buchdrucks debattierten, verbindet sich bis heute ein jahrhundertealtes humanistisches Erbe mit moderner Spitzenforschung.
Ein Kind des Konzils: Die Gründung von 1460
Dass Basel zur Universitätsstadt wurde, verdankt es einem kirchengeschichtlichen Grossereignis: dem Konzil von Basel (1431–1449). Die jahrelange Anwesenheit von Kirchenfürsten, Theologen und Diplomaten aus ganz Europa weckte in der Bürgerschaft den Wunsch nach einer eigenen Hohen Schule. Zu den eifrigsten Befürwortern gehörte der italienische Humanist Enea Silvio Piccolomini. Als er 1458 zum Papst Pius II. gewählt wurde, erliess er im November 1459 die Stiftungsbulle für die Basler Universität. Am 4. April 1460 wurde die Hochschule im Basler Münster feierlich eröffnet.
Zunächst verfügte die Institution über vier klassische Fakultäten: Theologie, Jurisprudenz, Medizin sowie die Artistenfakultät. In dieser Artistenfakultät wurden die sieben freien Künste (Artes liberales) gelehrt – als verbindliche Vorstufe für jedes weiterführende Studium, bis sie 1818 in die moderne Philosophische Fakultät überging. Nahezu zeitgleich entstand die Universitätsbibliothek Basel, die heute mit über drei Millionen Bänden und kostbaren historischen Handschriften zu den bedeutendsten Bibliotheken der Schweiz zählt.
Geistige Blüte am Rhein: Humanismus und Buchdruck
Die junge Universität machte Basel rasch zu einem Magneten für Denker aus ganz Europa. Die Stadt entwickelte sich im 15. und 16. Jahrhundert zu einer Welthauptstadt der Buchdruckerkunst. Drucker wie Johannes Amerbach und Johann Froben arbeiteten Hand in Hand mit den Gelehrten der Hochschule. Über allen thronte Erasmus von Rotterdam, der die Stadt zu seiner Wahlheimat erkor und Basel zum europäischen Zentrum des christlichen Humanismus machte.
Am Rheinsprung 21 bildete die «Alte Universität» das steinerne Zentrum dieses Geisteslebens. Jahrhundertelang blickten Dozenten und Studenten von den Hörsälen direkt auf das Treiben am Fluss. Heute beherbergt das historische Gebäude am Rheinsprung unter anderem das Departement Mathematik und Informatik, während der rückwärtige «Garten der Alten Universität» mit seinen Reben und Terrassen als idyllische Oase an die Anfänge erinnert.

Vom Münsterhügel zum Petersplatz: Die Hochschule heute
Mit dem 20. Jahrhundert sprengten die Studentenzahlen die engen Mauern der Altstadt. 1939 bezog die Universität ihr markantes Kollegiengebäude am Petersplatz, entworfen vom Basler Architekten Roland Rohn. Damit verlagerte sich das administrative und repräsentative Herz der Hochschule ins Universitätsviertel nahe dem Botanischen Garten.
Auch strukturell ging die Hochschule neue Wege: Seit dem 1. Januar 2007 wird die Universität Basel gemeinsam und gleichberechtigt von den beiden Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft getragen – die erste bikantonale Universität der Schweiz. Heute studieren und forschen hier rund 13’000 Studierende und Doktorierende (mit einem Frauenanteil von rund 57 Prozent). In der Forschung geniesst die Universität internationales Renommee, insbesondere in den Life Sciences (in enger Kooperation mit dem Universitätsspital und den globalen Pharmakonzernen) sowie in den Geistes- und Kulturwissenschaften.
Gelehrte, Pioniere und Nobelpreisträger
Die Liste der Persönlichkeiten, die an der Universität Basel lehrten oder forschten, spiegelt die europäische Geistes- und Wissenschaftsgeschichte:
- Sebastian Brant (1457–1521): Humanist, Jurist und Autor des weltberühmten «Narrenschiffs».
- Johannes Oekolampad (1482–1531): Professor der Theologie und der einflussreiche Reformator Basels.
- Paracelsus (1493–1541): Stadtarzt und Dozent, der mit der traditionellen Schulmedizin brach und Vorlesungen erstmals auf Deutsch hielt.
- Jacob Bernoulli (1654–1705) & Johann Bernoulli (1667–1748): Begründer der berühmten Basler Mathematiker-Dynastie, die bahnbrechende Beiträge zur Wahrscheinlichkeitsrechnung und Infinitesimalrechnung lieferten.
- Christian Friedrich Schönbein (1799–1868): Entdecker des Ozons und Erfinder der Schiessbaumwolle.
- Johann Jakob Bachofen (1815–1887): Rechtshistoriker und Begründer der Matriarchatsforschung.
- Jacob Burckhardt (1818–1897): Einer der bedeutendsten Kultur- und Kunsthistoriker Europas («Die Kultur der Renaissance in Italien»).
- Friedrich Miescher (1844–1895): Entdeckte 1869 in den Labors der Universität das «Nuklein» – die chemische Substanz der DNA.
- Friedrich Nietzsche (1844–1900): Wurde mit erst 24 Jahren als ausserordentlicher Professor für klassische Philologie nach Basel berufen und lehrte hier von 1869 bis 1879.
- Karl Jaspers (1883–1969): Philosoph und Psychiater, eine der prägenden Stimmen der Existenzphilosophie der Nachkriegszeit.
- Karl Barth (1886–1968): Einer der einflussreichsten evangelisch-reformierten Theologen des 20. Jahrhunderts.
- Adolf Portmann (1897–1982): Zoologe, Anthropologe und herausragender Naturphilosoph.
- Tadeus Reichstein (1897–1996): Chemiker und Botaniker; isolierte das Vitamin C und erhielt 1950 den Nobelpreis für Medizin für seine Arbeiten über Nebennierenrinden-Hormone (Cortison).
- Werner Arber (geb. 1929): Mikrobiologe und Genetiker; erhielt 1978 den Nobelpreis für Medizin für die Entdeckung der Restriktionsenzyme – ein Fundament der modernen Gentechnik.
Vom Rheinsprung bis zum Petersplatz: Die Geschichte der Universität zeigt, wie sehr Basel durch Wissen, Streitkultur und geistigen Weitblick gewachsen ist. Wer die schmale Gasse des Rheinsprungs hinabsteigt, spürt noch immer den Atem jener Epoche, in der Basel begann, der Welt das Denken zu lehren.
Weiterführende Links: Bildung, Bauten und der Rheinsprung
- Restaurant Spillmann am Rheinsprung – Modeschöpfer, Salons und Haute Couture in unmittelbarer Nachbarschaft der Alten Universität.
- Die Mittlere Brücke von Basel – der historische Flussübergang direkt am Fuss des Rheinsprungs.
- Stadtmodell für Blinde – der tastbare Münsterhügel und die Topografie des Universitätsursprungs.
- Dossier uferlos: Basel und der Rhein – alle Beiträge zu Basels Geschichte, Baukultur und dem Fluss.
- Geschichte der Universität Basel – offizielle Chronik und Archiv von der Gründung 1460 bis zur Gegenwart.



