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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Littering am Rheinufer

Littering am Rheinufer

Wenn an lauen Sommerabenden die Dämmerung über dem Rhein heraufzieht, verwandelt sich das Kleinbasler Ufer in eine endlose Freiluftbühne. Wo tagsüber gebadet wird, klirren abends Bierflaschen, duftet es nach Grillgut und wummern Bluetooth-Lautsprecher bis in die Nacht. Doch des einen Sommertraum ist des anderen Schlaflosigkeit: Das Kleinbasler Rheinbord ist der Schauplatz eines permanenten Basler Balanceakts zwischen mediterranem Lebensgefühl, Anwohnerfrust und morgendlichen Abfallbergen.

Abfall und Littering am Basler Rheinbord
Die Kehrseite der Gemütlichkeit: Liegengelassener Zivilisationsmüll an den Uferstufen nach einer Sommernacht.

Die «Mediterranisierung» und ihre Schattenseiten

Es war der Kulturfloss-Initiant und frühere Grossrat Tino Krattiger, der den Begriff der «Mediterranisierung der Gesellschaft» prägte: Das gesellschaftliche Leben hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten radikal vom Wohnzimmer und den Beizen ins Freie verlagert – und nirgendwo so intensiv wie am Kleinbasler Sonnenbord zwischen Wettstein- und Dreirosenbrücke. Was als urbaner Aufbruch und neu entdeckte Lebenslust gefeiert wird, bringt das städtische Zusammenleben regelmässig an seine Belastungsgrenzen.

Sobald das Thermometer steigt, verzeichnet die Basler Polizei Dutzende von Lärmklagen wegen wummernder Bässe. Doch nicht nur der Schallpegel zerrt an den Nerven der Quartierbevölkerung: Am nächsten Morgen bleiben an heissen Wochenenden regelmässig tonnenweise Müll am Ufer zurück. Die Stadtreinigung rückt jeweils in den frühen Morgenstunden mit schwerem Gerät und Handbesen aus, um die Promenade und die Kiesstrände wieder begehbar zu machen, bevor die ersten Schwimmer eintreffen.

Besonders tückisch sind Glasscherben im Kies, die für Barfussgänger und Kinder zur echten Gefahr werden, sowie Einweg-Grillschalen, die hässliche Brandlöcher in die Uferwiesen brennen. Wer am Fluss feiert, vergisst im Rausch oft, dass der öffentliche Raum ein gemeinsames Gut bleibt.

Überquellende Müllkübel am Rheinufer
Kapazitätsgrenzen: Selbst grossvolumige Behälter vermögen die Müllmengen an Spitzenabenden kaum zu fassen.

Zwischen Dialog und Bussen: Der Kampf um Regeln

Die Behörden reagierten über die Jahre mit einer Mischung aus Repression, Infrastrukturausbau und Prävention. Neben temporären Grosscontainern lancierte der Kanton Basel-Stadt immer wieder gezielte Plakat- und Sensibilisierungskampagnen. Unter dem Schlagwort #Rhylax patrouillierten dialogorientierte Vermittlungsteams – oft scherzhaft als «Basler Baywatch» betitelt –, um Nachtschwärmer direkt auf Lärmpegel, Jugendschutz beim Alkohol und das Entsorgen der eigenen Reste anzusprechen.

Dass das Thema Littering keine neue Begleiterscheinung ist, zeigt auch ein Blick zurück: Schon 2005 begleitete ich für einen Zeitungsartikel die Basler Stadtreinigung und beobachtete die alltägliche Sisyphusarbeit der Equippen gegen die Gleichgültigkeit im öffentlichen Raum (nachzulesen im Beitrag über Frau B.).

Stadtreinigung Basel im Einsatz
Sisyphusarbeit am Morgen danach: Wenn die Partymeile geräumt werden muss (Basler Zeitung).

Wem gehört der Fluss?

Die Debatte um das Rheinbord führt letztlich zu einer fundamentalen urbanen Frage: Wie viel Freiheit verträgt eine dichte Stadt, und wo beginnt die Zumutung für diejenigen, die hier leben und schlafen müssen? Pläne für neue Ufergestaltungen, striktere Nachtruheregeln und höhere Bussen für achtlos weggeworfene Aludosen flammen jeden Sommer verlässlich neu auf.

Der Rhein bleibt Basels pulsierendes Wohnzimmer. Doch damit dieses Wohnzimmer für alle lebenswert bleibt, braucht es mehr als Schaufeln und Besen der Stadtreinigung – nämlich den simplen Respekt, den eigenen Abfall dorthin mitzunehmen, woher man ihn mitgebracht hat.

Littering am Rheinufer Basel
Ein ewiges Reizthema am Kleinbasler Ufer: Wo hört das Ausspannen auf und wo beginnt der Vandalismus?

Weiterführende Links: Leben und Kultur am Rhein