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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Kreativstrategie mit KI: Vom Ausführenden zum Orchestrator

a group of people in a room with robots

Die neue Rolle des Strategen im KI-Zeitalter

Der Stratege im KI-Zeitalter muss weniger einzelne Aufgaben erledigen und mehr Systeme bauen. Er verbindet Ziele, Daten, Werkzeuge und Urteilskraft. Kreativität bleibt wichtig. Dazu kommen technisches Verständnis, analytische Disziplin und die Fähigkeit, aus vielen möglichen Antworten eine tragfähige Richtung zu wählen.

Systeme wie ChatGPT liefern Ideen, Analysen, Vergleiche und Entwürfe in kurzer Zeit. Das macht sie zu leistungsfähigen Arbeitsinstrumenten. Zum strategischen Partner werden sie erst durch gute Fragen, brauchbaren Kontext und menschliche Prüfung.

Die eigentliche Veränderung liegt deshalb weniger in der Geschwindigkeit einzelner Antworten. Sie liegt in der Architektur des Arbeitsprozesses: Wer stellt welche Frage? Welche Daten fliessen ein? Welche Annahme wird geprüft? Und wer entscheidet am Ende?


Vom Ausführenden zum Architekten

Strategie bestand lange aus Denken, Texten und Präsentieren. Diese Arbeit verschwindet nicht. Sie wird in einen grösseren Prozess eingebettet: Systeme entwerfen, Feedbackschleifen steuern, Informationen gewichten und Entscheidungen vorbereiten.

Der Stratege baut nicht mehr nur einzelne Brücken. Er entwirft das Verkehrsnetz: Welche Werkzeuge arbeiten zusammen? Welche Aufgaben werden automatisiert? Wo braucht es Recherche, wo Erfahrung, wo Widerspruch? Und wie gelangt eine Idee vom ersten Entwurf bis zur umsetzbaren Entscheidung?

ChatGPT kann dabei als Arbeitsoberfläche dienen. Die Richtung gibt es nicht vor. Das System macht sichtbar, was der Stratege vorgibt – und wo seine Vorgaben noch zu ungenau sind.


Das neue Setup: KI als Denkzentrale

Früher: PowerPoint und Bauchgefühl. Heute: ein modularer Werkzeugkasten, in dem unterschiedliche Funktionen zusammenwirken. Welche davon verfügbar sind, hängt vom Produkt, vom Abo, vom Konto und vom jeweiligen Workspace ab.

  • GPTs – spezialisierte Gesprächspartner für wiederkehrende Aufgaben und Fachgebiete
  • Projekte – Chats, Dateien und eigene Anweisungen in einem gemeinsamen Arbeitsraum bündeln
  • Deep Research – komplexe Fragen recherchieren, Quellen auswerten und in einem dokumentierten Bericht zusammenführen
  • Study Mode – Wissen Schritt für Schritt erschliessen, statt bloss eine fertige Antwort abzurufen
  • Dateien und Datenanalyse – Dokumente, Tabellen und Datensätze untersuchen, vergleichen und visualisieren
  • Bild- und Sprachfunktionen – visuelle Materialien, Audio und Text in einem Arbeitsprozess verbinden
  • Memory – auf Wunsch relevante Präferenzen und Arbeitskontexte über Gespräche hinweg berücksichtigen

Das ist kein reines Effizienz-Upgrade. Es verändert die Arbeitsteilung. Die Maschine kann suchen, sortieren, vergleichen, formulieren und simulieren. Der Mensch baut daraus einen Prozess, setzt Prioritäten und trägt die Folgen.

Weiterführend: Projekte in ChatGPT, Deep Research, Study Mode und die Memory-Funktionen.

Stratege mit KI-Werkzeugen im digitalen Arbeitsprozess

Von Effizienz zu Urteilskraft

KI spart Zeit. Das ist der sichtbare Teil der Veränderung. Der wichtigere Teil beginnt danach: bei der Frage, was mit der gewonnenen Zeit geschieht. Wer lediglich mehr Text produziert, hat seinen Arbeitsprozess beschleunigt. Wer bessere Fragen stellt, Daten prüft und Entscheidungen vorbereitet, verändert seine strategische Arbeit.

Die entscheidende Kompetenz heisst Prompt- und Kontextkompetenz. Prompting ist keine Zauberformel. Es ist die Sprache, mit der wir eine Maschine auf ein Problem, einen Zweck und einen relevanten Ausschnitt der Wirklichkeit ausrichten.

  • Ein einfacher Prompt: «Liste die wichtigsten Entwicklungen in der Suchmaschinenoptimierung auf.»
  • Ein brauchbarer strategischer Prompt: «Ordne die wichtigsten Veränderungen in der Suchmaschinenoptimierung aus Sicht eines mittelständischen Unternehmens in der Schweiz. Welche zwei Entwicklungen könnten das Budget und die Reichweite in den kommenden zwölf Monaten am stärksten beeinflussen? Welche Annahmen müssen wir prüfen?»

Der Unterschied liegt im Kontext. Wer nur Antworten will, bleibt Konsument. Wer nach Zusammenhängen, Unsicherheiten und Konsequenzen fragt, wird zum Gestalter.


Vier Aufgaben, die beim Menschen bleiben

Ausrichtung – Was zählt?
Ziele priorisieren, Relevanz erkennen und Störgeräusche filtern. Ein System kann Möglichkeiten aufzeigen. Die strategische Richtung muss jemand verantworten.

Urteilskraft – Was trägt?
Plausibilität von Belegbarkeit unterscheiden, Widersprüche erkennen und Qualität sichern. Eine überzeugende Formulierung ist noch keine gute Entscheidung.

Systemdesign – Was gehört zusammen?
Tools, Daten, Menschen und Abläufe so kombinieren, dass daraus tatsächlich ein Vorteil entsteht. Einzelne Funktionen ergeben noch kein funktionierendes System.

Verantwortung – Was ist vertretbar?
Folgen abwägen, Grenzen setzen und Entscheidungen erklären. Eine KI kann Optionen berechnen oder formulieren. Verantwortung lässt sich delegieren, aber nicht wegprompten.


Transformation in kleinen Schritten

  • Mit einem konkreten Arbeitsproblem beginnen – nicht mit einer möglichst langen Funktionsliste
  • KI in bestehende Abläufe integrieren – evolutionär statt mit dem grossen Revolutionsplakat
  • Prompts testen und überarbeiten – gute Ergebnisse entstehen in Schleifen
  • Quellen, Daten und Annahmen dokumentieren – damit aus einer schnellen Antwort eine prüfbare Arbeitsgrundlage wird
  • Teams schulen und Regeln vereinbaren – Technologie wirkt erst, wenn sie in eine Arbeitskultur passt

Der Wandel kommt selten als grosser Knall. Meist beginnt er mit einer Aufgabe, die plötzlich anders lösbar ist.


Strategie wird systemischer

Strategie verschwindet durch KI nicht. Sie wird komplexer, vernetzter und stärker von den Systemen geprägt, in denen sie entsteht. Der Stratege der Zukunft beherrscht Werkzeuge. Sein eigentlicher Wert liegt jedoch darin, Bedeutung zu schaffen, Prioritäten zu setzen und aus Möglichkeiten eine Richtung zu machen.

Entscheidend ist deshalb nicht, wer am schnellsten eine Antwort erzeugt. Entscheidend ist, wer weiss, welche Frage sich lohnt – und wofür die Antwort gebraucht wird.

Menschen und KI in einem gemeinsamen strategischen Arbeitsprozess

Weiterführend

Die praktische Seite dieser Entwicklung beschreibe ich auch in meinem Beitrag «Kreativstrategie mit KI: Vom Ausführenden zum Orchestrator». Wie sich KI-Kompetenz im Berufsalltag verändert, zeigt der Beitrag «KI-Kompetenz: Wenn die Chefs abgehängt werden».