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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Chemische Industrie Basel, CIBA

Chemische Industrie Basel, CIBA

«Neben dem Rhein, der Altstadt, den Museen und dem Münster ist die Industriekulisse dasjenige, was mich am meisten beeindruckt hat.» Ein amerikanischer Chemiker aus Boston stand vor Jahren mit mir auf der Pfalz und blickte stromabwärts zu den rauchenden Kaminen, Werkshallen und Bürotürmen. Was mancher Einheimische als Bruch empfand, sah er als geniale Symbiose: das mittelalterliche Basel und die Weltkonzerne der Chemie, verschmolzen an den Ufern desselben Flusses.

Roche Turm Bau 1 in Basel am Rhein
Neue Silhouette über dem Rhein: Der Roche-Turm (Bau 1) prägt das Panorama der Life-Sciences-Metropole. Foto: Ralph Schanner.

Ohne den Rhein keine Chemie – ohne Chemie kein Wohlstand

Im Kanton Basel-Stadt sind die chemische und pharmazeutische Industrie das wirtschaftliche Fundament. Sie haben zutiefst mit dem Fluss zu tun: Ohne diese Industrie gäbe es keine prosperierende Region Basel, ohne das Wasser des Rheins hätte sich diese Industrie hier nie angesiedelt. Das Rheinknie bot seit Beginn der Industrialisierung ideale Voraussetzungen: unerschöpfliche Wassermengen für Kühlung und Produktionsprozesse, einen direkten Transportweg zur Nordsee und die zentrale Lage im Dreiländereck, wo heute über 50’000 Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus dem Elsass und Südbaden täglich zur Arbeit pendeln.

Am Anfang standen nicht Tabletten oder Pflanzenschutzmittel, sondern Stoffe und Farben. Die Seidenbandweberei beschäftigte gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein Drittel der regionalen Bevölkerung. Als in den 1860er-Jahren die ersten synthetischen Teerfarben aufkamen und das Textilgewerbe revolutionierten, brach am Rheinknie ein beispielloser Gründerboom aus. Namen wie J.R. Geigy, Alexander Clavel, Sandoz, Ciba und Fritz Hoffmann-La Roche legten damals den Grundstein für Weltkonzerne wie Novartis, Roche, Syngenta und Lonza.

Der Fluss als Abfallkanal: Die dunklen Jahrzehnte

Der meteoritische Aufstieg hatte jedoch über Jahrzehnte hinweg einen verheerenden Preis. Bis weit in die 1950er-Jahre galt die Devise: «Aus den Augen, aus dem Sinn». Sämtliche flüssigen und festen Fabrikationsrückstände wurden ungefiltert in den Strom gekippt. Die enorme Fliessgeschwindigkeit des Rheins am Basler Knie schien die giftige Fracht scheinbar mühelos wegzuschwemmen – bis der Bau der Staustufe Kembs im Jahr 1945 das Problem sichtbar machte: Der zähe Industrieschlamm staute sich vor den Wehren auf dem Flussgrund.

Man wich auf Kiesgruben im Umland aus (in Weil, Grenzach und Muttenz), wo die Gifte ins Grundwasser sickerten. Erst die aufkommende Umweltbewegung der 1970er-Jahre und schliesslich der traumatische Grossbrand von Schweizerhalle am 1. November 1986, bei dem rotes Löschwasser den Fluss vergiftete, erzwangen eine radikale Wende. Schweizerhalle wurde zum Wendepunkt für den internationalen Gewässerschutz: Mit gigantischen Kläranlagen, Löschwasserrückhaltebecken und modernsten Monitoringsystemen gelang das Comeback – heute ist der Rhein ökologisch intakter und fischreicher als vor dem Unglück, wie auch spektakuläre hydrologische Untersuchungen wie der Birs-Markierversuch mit fluoreszierendem Uranin bewiesen haben.

Vom Werkareal zum offenen Stadtteil: Rosental und Klybeck

Parallel zum ökologischen Wandel veränderte sich die Ausrichtung: Aus rauchenden Fabriken wurden hochspezialisierte Life-Sciences-Campus für Forschung und Spitzenmedizin. Während Landmarken wie der Hochkamin mit dem alpinen «Wegzeichen» an der Voltastrasse noch an die klassische Energie- und Industrieepoche erinnern, stehen die historischen Werkareale heute vor der grössten Transformation ihrer Geschichte:

Rosental Mitte: Auf dem Areal bei der Messe richtete J.R. Geigy 1858 die erste industrielle Farbenfabrik Basels ein. Über 160 Jahre lang war das Geviert eine hermetisch abgeriegelte «verbotene Stadt» für Produktion und Forschung. Nun hat der Kanton das Areal erworben und öffnet es Schritt für Schritt: Wo einst Giftfässer und Farbmühlen standen, wächst ein urbaner, durchmischter Stadtteil mit denkmalgeschützten Industriezeugen, Tausenden Arbeitsplätzen, Parks und bezahlbarem Wohnraum heran.

klybeckplus: Noch monumentaler ist der Wandel im Norden: Das riesige, ehemals geschlossene Werkgelände von Ciba, BASF und Novartis zwischen Rhein und Wiese wird in den nächsten Jahrzehnten zu einem völlig neuen Basler Quartier transformiert. Wo einst Farbstoffe synthetisiert wurden, entstehen Raum für rund 8’500 Bewohnerinnen und Bewohner, 7’500 Arbeitsplätze, Schulen, Kultur und freie Zugänge zum Wasser.

Basel beweist damit einmal mehr seine einzigartige Gabe: Es verleugnet seine industrielle Herkunft nicht, sondern schreibt sie fort – vom rauchenden Schlot des 19. Jahrhunderts zu offenen, grünen Quartieren am Wasser.

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