Direkt zum Beitrag
ralu.ch

Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

Suche

Johann Gottfried Tulla, der Rheinbegradiger

Johann Gottfried Tulla, der Rheinbegradiger

Kaum ein Ingenieurprojekt hat Mitteleuropa so radikal verändert wie die Zähmung des Rheins im 19. Jahrhundert: Johann Gottfried Tulla zwang einen unberechenbaren, verzweigten Urstrom in ein künstliches Korsett. Für Basel war dieser monumentale Kraftakt Fluch und Segen zugleich – er schuf das Fundament für die moderne Rheinschifffahrt und den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt zum Welthafen, hinterliess der Natur aber Wunden, die bis heute nachhallen

Der Bändiger des Stroms: Der badische Oberst und Ingenieur Johann Gottfried Tulla (1770–1828).

Ein wilder Urstrom vor den Toren der Stadt

Wer heute von der Basler Pfalz oder den Brücken auf das geordnete Band des Rheins hinabblickt, kann sich das ursprüngliche Gesicht des Flusses kaum vorstellen: Bis ins 19. Jahrhundert war der Oberrhein unterhalb des Basler Rheinknies eine weit verzweigte, urwüchsige Flussauen-Wildnis. Unzählige Nebenarme, Inseln (Köpfe), Sand- und Kiesbänke veränderten sich nach jedem Sommerhochwasser aufs Neue. Dörfer wurden regelmässig weggeschwemmt, Sümpfe brachten das berüchtigte «Sumpffieber» (Malaria), und die Schiffbarkeit glich einem riskanten Abenteuer.

Auch in Basel selbst war der Uferbereich kaum gesichert: Nur entlang der Grossbasler Altstadtfront standen massive Schutzmauern; im Kleinbasel fiel das Kiesufer sanft und unbefestigt ab. Flussabwärts ragte der wehrhafte Isteiner Klotz empor, dessen tückische Kalksteinfelsen und Schwellen für Schiffer eine gefürchtete Barriere darstellten.

Blick vom Isteiner Klotz rheinaufwärts gegen Basel
Nadelöhr vor Basel: Blick vom Isteiner Klotz stromaufwärts in Richtung des Basler Rheinknies.

Tullas Doktrin: «Ein Fluss braucht nur ein Bett»

Der badische Ingenieur und Offizier Johann Gottfried Tulla (1770–1828) trat mit einer kompromisslosen Philosophie an: «Kein Strom oder Fluss, also auch nicht der Rhein, braucht mehr als ein einziges Bett.» Ab 1809 entwarf er die Pläne für die sogenannte «Rheinrektifikation». Durchstiche sollten sämtliche Flussschlingen und Mäander kappen, Dämme das Wasser zusammenhalten und die eigene Strömungskraft den Flussboden vertiefen.

Zwischen 1817 und 1876 wurde der Mammutplan umgesetzt:

  • Flussverkürzung um 81 Kilometer: Der Lauf zwischen Basel und Bingen schrumpfte um fast ein Viertel (23 Prozent).
  • 1833: Die Korrektionsarbeiten erreichten den Raum Basel und veränderten die städtische Flusslandschaft dauerhaft.
  • Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Ufer wurden mit Blockwürfen und Steinstickungen fixiert, Altrheinarme abgetrennt und tausende Hektaren Land urbar gemacht.

Der Motor für Basels Aufstieg zum Seehafen

Für die Wirtschaft von Basel bedeutete Tullas Werk eine historische Zäsur. Jahrhundertelang endete die Grossschifffahrt aus dem Norden weit unterhalb der Stadt in Strassburg oder Mannheim. Wer Güter nach Basel bringen wollte, musste auf kleine Weidlinge oder beschwerliche Fuhrwerke umladen.

Durch das gebündelte, tiefere Fahrwasser wurde die moderne Frachtschifffahrt mit Dampfschiffen und Schleppzügen überhaupt erst denkbar. Als 1904 das Dampfschiff «Christina» erstmals von Rotterdam bis nach Basel vordrang, begann das maritime Zeitalter der Schweiz. Auf Tullas begradigtem Bett bauten die späteren Generationen auf: Mit dem Bau des Grosskraftwerks und der Schleuse Kembs (1932) sowie des Kraftwerks Birsfelden (1954) entstand die ganzjährig schiffbare Wasserstrasse. Ohne Tulla gäbe es heute weder den Rheinhafen Kleinhüningen noch die Schweizer Hochseeschifffahrt – Basel wurde zum unersetzlichen Drehkreuz für die nationale Versorgung mit Treibstoffen, Getreide und Rohstoffen.

Die ökologische Rechnung: Erosion und Stauwehre

Der Sieg des Menschen über die Natur forderte jedoch einen dramatischen Tribut. Weil der Fluss drastisch verkürzt wurde, wuchs das Gefälle. Der Rhein raste nun mit enormer Wucht talwärts und frass sich mit brachialer Tiefenerosion in seinen eigenen Schottergrund ein – stellenweise bis zu sieben Meter tief. In der Folge sackte der Grundwasserspiegel im gesamten Umland ab, Brunnen versiegten, und die einzigartigen Auwälder vertrockneten zu steppenartigen Trockenauen.

Zudem verlagerte sich die Hochwassergefahr: Weil die natürlichen Retentionsräume fehlten, schossen die Scheitelwellen nach Starkregen viel schneller stromabwärts und bedrohten Städte wie Karlsruhe, Mannheim und Köln mit Rekordfluten. Um den stürzenden Fluss zu bremsen, mussten im 20. Jahrhundert Stauwehre und Kraftwerke gebaut werden – Bauwerke, die dem Rhein seinen Fliesswassercharakter nahmen und den legendären Basler Lachsen die Wanderwege zu ihren Laichplätzen abschnitten. Erst moderne Renaturierungen, Fischtreppen und Polder versuchen heute, das verlorene Gleichgewicht mühsam wiederherzustellen.

Verwandte Beiträge auf ralu.ch

Weiterführende Quellen und Dokumentationen