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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Vogel Gryff

Vogel Gryff

Wenn an einem kalten Januarmorgen dumpfe Böllerschüsse über dem Rheinknie hallen und Trommelwirbel durch die Gassen ziehen, feiert das Kleinbasel seinen höchsten Feiertag: den Vogel Gryff. Einst als wehrhafte Waffenmusterung entstanden, ist das Fest der Drei Ehrengesellschaften («3 E») bis heute der stolzeste Ausdruck kleinbaslerischer Eigenständigkeit – mit urwüchsigen Tänzen, tief verwurzelten Ritualen und einem demonstrativen Gruss an das Grossbasler Ufer.

Rheinfahrt des Wilden Mannes beim Vogel Gryff
Tanz auf den Fluten: Der Wilde Mann schwingt sein Tannenbäumchen auf der Rheinfahrt stromabwärts. Foto: Wikipedia.

Was klepft?! E Schuss! Was mag das syy?
Dert tanzt jo aine uff em Rhy.
E Tannebaimli schwingt er
und ains, zwai, drey vertringgt er.
Nai nai, das gfallt im Wilde Maa.
D’Kanone kracht. Jetzt kunnt er aa.
E-n-Ueli bättlet Batze.
Dr Lai winggt mit de Datze.
Bym Käppelijoch gumpt stolz und styff
näben Wilde Maa und Lai dr Gryff,
und dausig Basler lache
ab däne-n-alte Sache.

Anna Keller (1879–1962)

Ein beweglicher Feiertag im Dreijahres-Turnus

Der Vogel Gryff ist kein starrer Kalendertag, sondern ein wandernder Feiertag im Januar. Den Vorsitz übernimmt im dreijährigen Turnus jeweils eine der Drei Ehrengesellschaften Kleinbasels:

  • Gesellschaft zum Rebhaus (13. Januar): 1304 erstmals urkundlich erwähnt. Sie vereinigte einst die Rebleute, Winzer, Fassbinder und Landwirte des Kleinbasels. Ihr Ehrenzeichen ist der Leu (der Löwe).
  • Gesellschaft zur Hären (20. Januar): 1384 verbrieft. Ihr gehörten die Jäger, Fischer und Schiffer an. Ihr Symbol ist der Wilde Mann («Wild Maa»), eine mythische Naturgestalt mit Blätterkranz und einem entwurzelten Tannenbaum als Sinnbild für Vitalität und Fruchtbarkeit.
  • Gesellschaft zum Greifen (27. Januar): 1429 entstanden. Sie bot Webern, Schneidern und Handwerkern Schutz. Ihr Wappenzeichen ist der namensgebende Vogel Gryff, ein majestätisches Fabelwesen mit dem Adlerkopf und dem Leib eines Löwen.

Fällt der betreffende Festtag auf einen Sonntag, wird das Spektakel traditionell auf den vorangehenden Samstag vorverlegt. Die Gesellschaften sind dabei keine Berufsizünfte im Grossbasler Sinn, sondern geschworene Quartier- und Bürgergemeinschaften, die seit dem Spätmittelalter die Verteidigung, Feuerwache und Ordnung im rechtsrheinischen Stadtteil organisierten.

Die Rheinfahrt: Ein Tanz stromabwärts gegen den Hochmut

Wenn der Wasserstand des Stroms es erlaubt, beginnt der Ehrentag am Vormittag auf dem Wasser: Beim Fischergalgen Nummer 22 – dem «Horst» unterhalb des Kraftwerks Birsfelden – besteigt der Wilde Mann ein festlich geschmücktes Floss. Begleitet von zwei Tambouren, Bannerträgern und dumpfen Böllerschüssen der Kanoniere treibt er stromabwärts, während am Ufer hunderte Schulkinder laut jubelnd mitlaufen.

Zu den getrommelten Takten des «Rhy-ab-Marschs» vollführt der Wilde Mann seine rituellen Sprünge und taucht das Tannenbäumchen wiederholt tief in die Strömung – eine Verbeugung vor den Geistern des Flusses. Dabei gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Der Wilde Mann tanzt und verneigt sich ausschliesslich in Richtung des Kleinbasler Ufers. Dem Grossbasler Ufer gegenüber dreht er demonstrativ den Rücken – genauer: das Hinterteil zu. Es ist die historische Revanche des einst als «minderes Basel» verspotteten Arbeiter- und Handwerkerquartiers gegenüber den patrizischen Herren jenseits des Wassers.

Vogel Gryff – Der Film: Das offizielle Dokument der Drei Ehrengesellschaften Kleinbasels zum Festtag.

Der grosse Tanz auf der Mittleren Brücke

Gegen elf Uhr springt der Wilde Mann beim Kleinen Klingental mit einem mächtigen Satz an Land. Dort formiert sich der gesamte Zug: Vogel Gryff, Leu und Wilder Mann vereinen sich mit ihren Spielleuten und den vier Ueli. Diese Narrenfiguren schütteln unablässig ihre blechernen Sammelbüchsen, um Spenden für bedürftige Kleinbasler Sozialwerke zu erbetteln – eine karitative Tradition, die bis heute zehntausende Franken einbringt.

Punkt zwölf Uhr erreicht die Spannung ihren Höhepunkt auf der Mittleren Brücke: Vor dem Käppelijoch zeigen die drei Figuren nacheinander ihre streng überlieferten Einzeltänze. Auch hier blicken die Maskenträger fest nach Norden: Keiner der drei dreht sich auch nur einen Millimeter zum Grossbasler Münsterhügel um. Drüben an der Schifflände streckt ihnen der legendäre Lällekönig seine Fratze und die Zunge entgegen – das wohl charmanteste städtische Scharmützel der Eidgenossenschaft.

Gryffemähli, Waisenhaus und der Schlusstanz im «Spitz»

Am Nachmittag ziehen sich die 450 Brüder der drei Gesellschaften im festlichen schwarzen Anzug zum stundenlangen Gryffemähli im Basler Messesaal zurück, wo bei Wein, Tafelfreuden und politischen Reden der Zusammenhalt zelebriert wird. Am frühen Abend bricht der Zug erneut auf: Im flackernden Schein von 21 Steckenlaternen, getragen von Kleinbasler Knaben und begleitet von Pfeifern und Trommlern der Fasnachtsclique Olympia, zieht das Spiel kreuz und quer durch die Gassen.

Nach bewegenden Stationen im Hof des Waisenhauses und vor den Lokalen verdienter Wirte endet der Tag erst gegen 22.30 Uhr im Gesellschaftshaus «Café Spitz» an der Brücke: Im Saal im ersten Stock zeigen Leu, Wilder Mann und Vogel Gryff ihren letzten, schweisstreibenden Schlusstanz. Bis in die Morgenstunden hallt der Ruf der drei Tiere durch die Gaststuben – bis die Ehrenzeichen wieder für ein Jahr zur Ruhe gebettet werden.

Weiterführende Links: Basler Bräuche und Ufergeschichte