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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Käppelijoch

Käppelijoch

Es ist das wohl meistfotografierte Postkartenmotiv Basels: das kleine Brückenkapellchen mitten auf der Mittleren Brücke. Doch hinter der malerischen Kulisse verbirgt sich eine der dunkelsten und skurrilsten Geschichten der Stadt. Das Käppelijoch diente den Erbauern einst als statisches Gegengewicht gegen reissende Hochwasser, den Henkern als Schafott für grausame Ertränkungsurteile und den Liebenden der Gegenwart als Zankapfel einer modernen Basler Politposse.

Das Käppelijoch auf der Mittleren Brücke in Basel
Das Käppelijoch auf der Mittleren Brücke: Heiligtum, Richtstätte und heutiges Wahrzeichen über dem Rheinstrom.

1392: Statik mit heiligem Beistand

Als sich Gross- und Kleinbasel im Schicksalsjahr 1392 vereinigten, musste ein weithin sichtbares Symbol her. Die Brücke, die beide Stadthälften physisch zusammenhielt, erhielt auf ihrem fünften und damals äussersten Steinpfeiler eine neue Kapelle. Doch der Sakralbau war weit mehr als frommes Beiwerk.

Die mittelalterlichen Werkmeister nutzten die Kapelle für einen raffinierten Kunstgriff der Baustatik: Das massive Mauerwerk des Käppelijochs wirkte als Auflast. Durch das enorme Zusatzgewicht presste die Kapelle den Pfeiler förmlich in den Kiesgrund des Rheins, sodass er dem gewaltigen Staudruck bei Hochwasser, Treibholz und winterlichem Eisgang standhielt. Weil der Fluss auf Grossbasler Seite noch tiefer riss, beschloss der Rat 1457, die Brücke um einen weiteren Steinpfeiler zu verstärken – getauft auf den Namen «Bärenfelserjoch», zu Ehren des damaligen Bürgermeisters Hans von Bärenfels.

Historische Ansicht der Rheinbrücke mit dem Käppelijoch
Detail, wenn man genau hinschaut: Heinrich von Thun, Initiant der Brücke, mit einem Modell in der Hand, samt Käppelijoch

Das Schafott im Strom: Wenn der Rhein richten musste

Mit dem Beginn der frühen Neuzeit verlor das Käppelijoch seine Unschuld. Es wurde zum zentralen Schauplatz des peinlichen Strafgerichts. Während Adlige und Mörder auf dem Richtplatz mit dem Schwert gerichtet wurden, sah die spätmittelalterliche Rechtsordnung für bestimmte Delikte die sogenannte Wasserstrafe vor – eine Praxis, die vor allem Frauen traf.

Wer des schweren Diebstahls, der Kuppelei, des Ehebruchs oder des Kindsmordes für schuldig befunden wurde, wurde auf das Käppelijoch geführt. Dort band der Scharfrichter die Verurteilten an Händen und Füssen und stiess sie vor den Augen einer johlenden Menschenmenge in die tosende Strömung. Auch Männer, die ihre Eltern misshandelt oder Bigamie begangen hatten, erwartete dieses eisige Schicksal.

Käppelijoch Nahaufnahme bei Sonnenschein
Hinter den zierlichen Sandsteinbögen vollzogen sich jahrhundertelang drakonische Urteile der Basler Justiz.

Madlen Egerin (1634) und das Problem mit dem Überleben

Das Ertränken im Rhein besass nach alter Rechtsauffassung den Charakter eines Gottesurteils: Schloss sich das Wasser über der Person, galt die Schuld als gesühnt; rettete sich jemand ans Ufer, hatte Gott selbst eingegriffen. Genau das wurde der Basler Obrigkeit im Lauf der Jahrzehnte zum juristischen Ärgernis.

Flussabwärts, auf Höhe des St. Johann-Quartiers oder an den seichten Kiesbänken vor der Stadtgrenze, wurden viele der Hineingeworfenen lebend herausgefischt und wiederbelebt. Die Historikerin Barbara Rettenmund hält fest: Die letzte Frau, die vom Käppelijoch in die Fluten geworfen wurde, war Madlen Egerin aus Riehen im Jahr 1634. Sie war angeklagt, ihr neugeborenes Kind getötet zu haben. Doch Madlen kämpfte sich lebend aus den Strömungswirbeln an Land. Das Basler Gericht musste klein beigeben: Ein zweites Mal durfte sie für dieselbe Tat nicht hingerichtet werden; sie wurde stattdessen auf Lebenszeit aus der Stadt verbannt.

Weil schlicht zu viele Delinquenten das Rheinbad überlebten, zog der Basler Rat 1634 die Konsequenzen: Die als unzuverlässig empfundene Wasserstrafe wurde abgeschafft. Fortan liess man verurteilte Frauen kurzerhand auf dem Schafott enthaupten.

Eine andere Schandstrafe hielt sich noch länger: das sogenannte «Schwemmen». Wegen minderer Vergehen wie wiederholtem Ehebruch wurden Personen an ein langes Seil gebunden und dreimal hintereinander unter der Brücke durch die gischtende Strömung gezogen – ein qualvolles, halbes Ertränken zur Belustigung der Schaulustigen auf den Brückenplanken.

PS: Genau gegenüber dem Käppelijoch wurde eine Tafel zum Gedenken an die vielen geröteten angebracht. Den Artikel habe ich bei den Empfehlungen weiter unten verlinkt.

Der Grosse Basler Liebesschloss-Krieg

Jahrhunderte später wandelte sich der Ort des Schreckens zur Pilgerstätte der Romantik: Verliebte Paare aus aller Welt entdeckten das historische Schmiedeeisengitter des Käppelijochs für sich. Mit Gravuren versehene Vorhängeschlösser wurden massenhaft an die Gitterstäbe geklickt, der Schlüssel feierlich in den Rhein geworfen – ewige Liebe im Angesicht des Basler Münsters.

Liebesschlösser am Gitter des Käppelijochs
Ewige Treue oder Rostgefahr? Hunderte Vorhängeschlösser brachten die Basler Denkmalpflege in Wallung.

Doch was für Touristen und Turteltauben gelebte Romantik war, rief bald die städtische Denkmalpflege und die Politik auf den Plan. Hunderte Schlösser scheuerten den Schutzlack von den historischen Gittern ab, Rost frass sich in den Sandstein, und Politiker wetterten im Grossen Rat gegen die «Verschandelung» des Wahrzeichens.

Im Frühsommer 2018 kannte das Bau- und Verkehrsdepartement schliesslich kein Pardon mehr: Mitarbeiter der Stadtreinigung rückten mit Bolzenschneidern und Trennschleifern an. Innert weniger Stunden brach der Staat die Symbole der ewigen Liebe auf und entsorgte sie kübelweise im Altmetall – eine Aktion, die Telebasel trocken mit den Worten kommentierte: «Die ewige Liebe wird vom Staat aufgebrochen.»

Weihnachtsmütze auf dem Heiligtum

Dass Basel sein Brückenheiligtum trotz aller historischen Schwere mit augenzwinkerndem Humor nimmt, bewies die Stadt im Dezember 2023: Pünktlich zum Basler Weihnachtsmarkt stülpten die Organisatoren dem spitzen Ziegeldach des Käppelijochs eine gigantische rote Zipfelmütze samt weissem Bommel über.

Käppelijoch mit riesiger Weihnachtsmütze dekoriert
Gelebte Basler Festlaune: Das Käppelijoch mit roter Zipfelmütze im Advent 2023.

Das Bild der verkleideten Kapelle ging viral und wurde zum beliebtesten Fotosujet des Winters. So spannt das Käppelijoch den Bogen über mehr als sechs Jahrhunderte: von der todbringenden Richtstätte der frühen Neuzeit über den Schauplatz handfester Basler Debatten bis zum festlichen Lächeln über dem weihnachtlichen Rhein.

Weiterführende Links: Brücken und Basler Stadtgeschichte