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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Männerwohnhaus Basel am Rheinweg

Männerwohnhaus Basel am Rheinweg

Es ist vielleicht das schärfste soziale Paradoxon Basels: Direkt am Kleinbasler Sonnenbord, mit unverbaubarem Postkartenblick auf das ehrwürdige Münster und den gemächlich fliessenden Rhein, liegt eine der begehrtesten Wohnlagen der Region. Doch hinter den Fenstern der Rheingasse 80 wohnen keine wohlhabenden Bankiers oder Kunstmäzene. Hier betreibt die Heilsarmee seit über einem Jahrhundert ihr Männerwohnhaus – eine Insel der Gestrauchelten mitten in der Idylle.

Männerwohnhaus der Heilsarmee an der Rheingasse Basel
Beste Lage, schwierige Biografien: Das Männerwohnhaus der Heilsarmee an der Kleinbasler Rheingasse.

Beste Lage am Ufer – und doch am Rand der Gesellschaft

Draussen flanieren Touristengruppen über das Uferpflaster, Sonnenhungrige öffnen zischend ein kühles Bier, und die Klingel der Münsterfähre kündigt die nächste Querung an: Die Kleinbasler «Riviera» pulsiert. Nur eine dicke Sandsteinmauer trennt die fröhliche Sommerstimmung vom geschützten Rückzugsort für knapp fünfzig Männer, deren Leben aus den Fugen geraten ist.

Bereits seit 1906 bietet die soziale Einrichtung der Heilsarmee an dieser Adresse Schutz und ein Dach über dem Kopf. Wer hier strandet, trägt schwer am Rucksack des Lebens: Chronische Alkohol- und Drogenabhängigkeit, psychische Erkrankungen, zerbrochene Familien, schwere Schicksalsschläge oder schlicht die unbarmherzige Härte von Obdachlosigkeit und Überschuldung haben die Männer an diesen Ort geführt.

Zwischen Durchgangsstation und lebenslangem Zuhause

So unterschiedlich die Bewohner, so gegensätzlich sind ihre Pläne: Die einen sehen die Zimmer – aufgeteilt in Mehrbett- und Einheiten für 47 Menschen – als reine Notunterkunft. Sie kämpfen mit Unterstützung der Sozialarbeitenden darum, wieder Fuss zu fassen, die Papiere zu ordnen und die Rheingasse so rasch wie möglich gegen einen eigenen Schlüssel für eine kleine Mietwohnung einzutauschen.

Für andere wiederum ist das Männerwohnhaus längst zur dauerhaften Heimat geworden. Es gibt Bewohner, die seit zehn oder zwanzig Jahren hier leben. Für sie bedeuten die klaren Strukturen – feste Essenszeiten, die morgendliche Öffnung des Aufenthaltsraums um sechs Uhr und das Nachtruheregime ab 23 Uhr – das rettende Netz vor dem völligen Absturz. Hier müssen sie sich nicht verstellen; die Gemeinschaft der Schicksalsgenossen fängt Einsamkeit auf, die draussen in der Stadt erdrückend wäre.

Ein stiller Zeuge am Strom

Tagsüber sitzen viele Bewohner auf den Steinbänken des Rheinbords, rauchen, beobachten das Treiben und blicken hinüber zu den ehrwürdigen Mauern des Münsters. Es ist ein stilles Nebeneinander zweier Welten, die sich denselben Raum teilen: die geschäftige, wohlhabende Kulturstadt auf der einen und die verletzliche, oft unsichtbare Armut auf der anderen Seite.

Dass die Heilsarmee dieses historische Gebäude trotz des enormen Drucks auf dem Basler Immobilienmarkt bis heute nicht lukrativ veräussert hat, ist ein sozialpolitischer Glücksfall. Es hält Basel vor Augen, dass die Mitte der Stadt und der Blick auf das Wasser nicht allein den Privilegierten gehören – sondern dass echte Urbanität dort beginnt, wo auch die Verwundbaren ihren festen Platz im Zentrum behalten dürfen.

Weiterführende Links: Leben am Kleinbasler Ufer