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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Der grüne Rhein

Der grüne Rhein

Spaziergänger, Flanierende und Jogger rieben sich am 5. September 2001 ungläubig die Augen: Vom Birsköpfli herab schob sich plötzlich ein giftgrünes, leuchtendes Band in den Rhein. Für bange Minuten sassen die Erinnerungen tief – drohte fünfzehn Jahre nach dem verheerenden Grossbrand von Schweizerhalle eine neue Chemiekatastrophe? Doch die Entwarnung folgte auf dem Fuss: Der neongrüne Strom war kein Gift, sondern ein generalstabsmässig geplanter Markierversuch von Ingenieuren, der spektakuläre Luftbilder lieferte und Basel fast eine Million Franken sparte.

Grüner Farbstoff fliesst aus der Birs in den Rhein
Aus der Luft gesehen: Das neongrüne Band aus der Birs schiebt sich bei Rheinkilometer 166 in den Hauptstrom.

Das Trauma von 1986 und der Schreck am Rheinufer

Wer am Vormittag jenes Spätsommertages am Basler Rheinufer stand, brauchte starke Nerven. Über hunderte Meter zog sich eine leuchtend grüne Schleppe durch das sonst blau-graue Wasser. Zu präsent waren noch die Bilder von 1986, als Löschwasser den Fluss blutrot gefärbt und die Tierwelt auf Kilometern vernichtet hatte. Würden nun wieder tote Fische am Ufer treiben?

Die Behörden hatten dieses Mal allerdings vorgesorgt: Radio, Zeitungen, die Rheinpolizei, die Fischereiaufsicht und sämtliche Anrainerstaaten stromabwärts waren vorab minutiös gebrieft worden. Bei der auffälligen Substanz handelte es sich um Uranin (Fluorescein-Natrium) – einen hochwirksamen, für Mensch und Wasserorganismen völlig harmlosen Fluoreszenzfarbstoff, der in der Hydrologie weltweit verwendet wird, um unsichtbare Strömungen präzise sichtbar zu machen.

Fliessverlauf der gefärbten Birs entlang des Basler Rheinbords
Ein Fluss im Fluss: Das Birswasser schmiegt sich an das Grossbasler Ufer, ohne sich sofort mit dem Rhein zu vermischen.

Das Problem: Sauerstoffnot am Birsköpfli

Hinter dem Farbenspiel stand ein ernstes ökologisches Dilemma: Das gereinigte Abwasser der regionalen Grosskläranlage ARA Birs 2 in der Hagnau bei Birsfelden floss bis dahin direkt in den Unterlauf der Birs. Führte der Zufluss im heissen Sommer Niedrigwasser, flossen dort lediglich 5 bis 10 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Gleichzeitig pumpte die ARA rund 1,7 Kubikmeter gereinigtes Abwasser in das schmale Flussbett.

Das führte zu einem bedenklichen Mischungsverhältnis von bis zu 3:1. Die Folge war ein enormer Nährstoffeintrag, der dem Wasser den lebenswichtigen Sauerstoff entzog (Sauerstoffzehrung) – ausgerechnet in der hochfrequentierten Badezone am Birsköpfli, wo an warmen Tagen Hunderte im Fluss plantschten. Im Rahmen des kantonsübergreifenden Revitalisierungsprojekts «BirsVital» suchte man deshalb nach einem Ausweg: Das Kläranlagenwasser sollte künftig nicht mehr die Birs belasten, sondern direkt in das viel mächtigere Volumen des Rheins eingeleitet werden.

Luftaufnahme der Farbverteilung beim Rheinbad Breite
Messpunkt Rheinbad Breite: Nach exakt zwölf Minuten erreichte die grüne Front die historische Badestelle.

Der Härtetest: 50 Liter Uranin und ein Messflugzeug

Die entscheidende Frage der Ingenieure der Basler Gruner AG lautete: Wo darf das Wasser in den Rhein strömen, ohne die Badenden am Rheinufer zu beeinträchtigen? Bei den Vorabklärungen entdeckte man rund dreissig Meter vom Ufer entfernt ein altes, stillgelegtes Einlaufbauwerk im Flussgrund. Sollte man dieses reaktivieren oder für viel Steuergeld ein völlig neues Rohr fünfzig Meter weit in die Strommitte vortreiben?

Am 5. September 2001 herrschten ideale Testbedingungen: Der Rhein wies mit rund 1’150 Kubikmetern Wasser pro Sekunde einen perfekten mittleren Abfluss auf. Von einem Arbeitsschiff des Amts für Umwelt und Energie speisten die Techniker über eine Lanze in knapp drei Metern Tiefe innert zehn Minuten 50 Liter zehnprozentige Uraninlösung direkt auf die Flusssohle ein. Ein Beobachtungsflugzeug kreiste über Basel, während Messteams an mehreren Uferpunkten im Minutentakt Wasserproben zogen.

Die Messdaten lieferten ein faszinierendes Protokoll der Fliessdynamik:

  • Nach 12 Minuten: Erste Farbanzeichen erreichen das historische Rheinbad Breite.
  • Nach 25 Minuten: Die grüne Front passiert die Pfeiler der Mittleren Brücke.
  • Nach 90 Minuten: Der Markierstoff passiert die internationale Rheinüberwachungsstation bei der Palmrainbrücke in Weil am Rhein.

Mit einer gemessenen Fliessgeschwindigkeit von 1,4 Metern pro Sekunde (rund 5 km/h) zeigte sich ein verblüffendes Naturphänomen: Das Birswasser vermischt sich keineswegs sofort mit dem Rhein. Es bildet ein eigenes, scharf abgegrenztes «Flussband», das sich eng an das Grossbasler Bord schmiegt. Erst fünf Kilometer stromabwärts, bei den weitläufigen Hafenbecken von Kleinhüningen, löste sich das Band durch Verwirbelungen vollends im Rheinstrom auf.

Die grüne Farbfahne passiert die Mittlere Brücke Basel
Tempo 5 km/h: Nach knapp einer halben Stunde gleitet die Uranin-Wolke an der Grossbasler Altstadt vorbei.

Grünes Licht – und eine Million Franken gespart

Der Praxistest bestätigte die komplexen Strömungssimulationen auf den Punkt: Die Hauptmenge des eingeleiteten Wassers zog in sicherem Abstand am Ufer vorbei. Für das bauleitende Tiefbauamt des Kantons Basel-Landschaft war das Resultat ein doppelter Triumph: Die Birs wurde nachhaltig entlastet, die Wasserqualität an den Badeplätzen blieb gesichert – und durch die Weiternutzung des bestehenden Grundbauwerks sparte man knapp eine Million Franken an Neubaukosten.

Was für die Wissenschaft ein technischer Meilenstein war, bleibt für Basel eine der spektakulärsten Episoden jüngerer Flussgeschichte: Der Tag, an dem der Rhein leuchtend grün wurde, um die Birs zu retten.

Weiterführende Links: Flussläufe, Technik und Brücken