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Rainer Luginbühl

KI, Wissenschaft und Kultur. Basel und der Rhein.

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Kunst unter der Johanniterbrücke

Kunst unter der Johanniterbrücke

uferlos. basel und der rhein. · Aktualisiert am 12. Oktober 2026

An dieser Liebeserklärung interessiert mich vor allem ihr kleiner Rückzieher. Das «oder so» lässt offen, wie ernst es jemand meint. Zwei Wörter genügen, um ein grosses Gefühl ins Stolpern zu bringen. Unter der Johanniterbrücke hat Mark Handforth diesen unsicheren Satz in blaues Licht übersetzt. 2026 ist die Arbeit ein Vierteljahrhundert alt.

«Claudia ich liebe dich oder so 22/25 Uhr»


Mark Handforths blaue Neonschrift am Pfeiler der Johanniterbrücke, darunter der dunkle Rhein.
Mark Handforths Lichtinstallation an der Johanniterbrücke. Aufnahme aus der bisherigen Fassung dieses Beitrags.

Vom Graffiti zur Urban Art

Ausgangspunkt war eine Liebesbotschaft, die Handforth an einer Mauer gefunden hatte. Er übertrug sie in Neon und brachte sie 2001 am westlichen Pfeiler der Johanniterbrücke an. Aus einer beiläufigen Mitteilung wurde eine Arbeit im öffentlichen Raum. Die handschriftliche Form blieb erhalten, ebenso das Zögern im Satz.

Der oben zitierte Werkname folgt der Dokumentation von «all around Basel». Dort steht die ungewöhnliche Zeitangabe «22/25 Uhr». Wer Claudia war, wer die ursprüngliche Botschaft schrieb und was zu dieser Uhrzeit geschah, geht aus den gefundenen Werk- und Projektunterlagen nicht hervor.

Ein Bekenntnis mit eingebautem Zweifel

Für mich liegt die Spannung der Arbeit im Verhältnis zwischen «ich liebe dich» und «oder so». Das Bekenntnis steht schon da, während sein Verfasser es sprachlich wieder abschwächt. Vielleicht aus Verlegenheit, vielleicht als Scherz. Der Satz lässt beides zu. Die genaue Uhrzeit wirkt daneben fast amtlich: Das Gefühl ist unsicher, der Zeitpunkt steht fest.

Auch der Ort trägt zu dieser Wirkung bei. Eine private Botschaft hängt an einem Brückenpfeiler, dem Blick der Öffentlichkeit ausgesetzt. Das Neonlicht erinnert an Reklame. Hier wirbt es um einen einzigen Menschen. Alle anderen dürfen mitlesen.

Für wenige Wochen gedacht, seit 2002 dauerhaft

Die Installation entstand für «Lokalzeit», ein Kunstprojekt im Quartier St. Johann vom 18. Mai bis 1. Juli 2001. Die Projektleiterinnen Linda Cassens Stoian, Helen Hirsch und Sue Irion wollten Kunst aus den Lebensrhythmen und Begegnungen des Quartiers entwickeln. Zwölf künstlerische Arbeiten gehörten dazu, darunter ein Nachtmarkt mit Menschen und Geschäften aus dem St. Johann.

Im Originalprogramm von 2001 ist Handforths Arbeit dem Thema «Rendezvous» zugeordnet. Das passt zu einem Projekt, das sich mit dem Verhältnis von Zeit und Ort beschäftigte. Die zunächst temporäre Installation wurde 2002 dauerhaft gesichert. Die Werkdokumentation führt sie in der Sammlung des Bau- und Verkehrsdepartements.

Die Liebe braucht Unterhalt

Die alte Fassung dieses Beitrags behauptete, die Neonröhren müssten ungefähr alle fünf Jahre ersetzt werden. Ein solcher fester Rhythmus ist durch die gefundenen Quellen nicht belegt. Dokumentiert sind Schäden durch Witterung und Hochwasser, wiederkehrender Unterhalt und in der englischen Werkbeschreibung eine vollständige Erneuerung.

Einen konkreten Reparaturhinweis liefert Iris Kretzschmar im Kulturmagazin PROZ vom Februar 2024: Die Neonschrift sei gerade repariert worden. Zum aktuellen Beleuchtungszustand im Oktober 2026 liegt mir keine verlässliche Auskunft vor.

Die Ironie des alten Beitrags bleibt brauchbar: Eine Liebeserklärung, die erhalten werden soll, braucht gelegentlich neue Röhren. Über die Dauer der Liebe sagt das wenig. Über die Dauer von Kunst im Freien schon.

Der Künstler hinter der Botschaft

Mark Handforth wurde 1969 in Hongkong geboren, wuchs in London auf und lebt und arbeitet in Miami. Er studierte an der Slade School of Fine Art in London und an der Städelschule in Frankfurt. In seinen Skulpturen verwendet und verändert er häufig Dinge aus dem Stadtraum: Strassenlampen, Verkehrsschilder, Leuchtstoffröhren oder Hydranten. Vertraute Gegenstände werden durch Verformung, neue Grössenverhältnisse und Licht fremd.

Die Basler Arbeit passt zu diesem Umgang mit Alltagsmaterial. Handforth nahm einen vorgefundenen Satz und gab ihm eine andere Sichtbarkeit und Dauer. Das ursprüngliche Graffiti wird zum Ausgangspunkt einer Lichtskulptur.

Künstler: Mark Handforth, geboren 1969

Entstehung: 2001 für «Lokalzeit»; seit 2002 dauerhaft installiert

Material: Neonlicht, Glas und Metall

Masse: 40 × 900 cm, also neun Meter lang

Standort: Westlicher Pfeiler der Johanniterbrücke; vom St. Johanns-Rheinweg auf der Grossbasler Seite aus zu sehen

Sammlung: Bau- und Verkehrsdepartement, laut Werkdokumentation

Ein kurzer Film über die Arbeit

Im Film von «all around Basel» beschäftigt sich Roland Wetzel, Direktor des Museums Tinguely, mit Handforths Liebeserklärung. Die Produktion von 2024 dauert 5 Minuten und 53 Sekunden.

Den Film direkt auf YouTube ansehen

Drei Quellen zum Weitergehen

  1. «all around Basel»: Werkdokumentation und Film
    Der Überblick zu Entstehung, Standort, Material und Künstler. Hier ist auch der Kurzfilm eingebunden.
  2. «Lokalzeit»: Das Originalprogramm von 2001
    Ein Blick in das Projekt, aus dem die Installation hervorging. Der historische Faltprospekt zeigt, wie Kunst, Quartierleben und Zeit zusammen gedacht wurden.
  3. Modern Art: Mark Handforth und seine Arbeiten
    Die englischsprachige Künstlerseite zeigt weitere Skulpturen und dokumentiert seine Biografie. Sie macht den Zusammenhang zwischen der Basler Neonschrift und seinem übrigen Werk sichtbar.

Zur Geschichte dieses Beitrags: Die frühere Fassung enthielt einen Auszug aus «Vom Graffiti zur Urban Art» von Françoise Theis, laut damaligem Quellenvermerk erschienen in der TagesWoche vom 3. April 2013. Der vorliegende Text ist eine eigenständige, neu recherchierte Fassung. Das bisherige Foto bleibt erhalten.